 das, sie
schwindeln sich daran vorbei. Ich sehe ihn innerlich so ausgeraubt, so
mittellos, dass der Gedanke kaum zu ertragen ist. Sie werden mir entgegenhalten:
ein Idiot; ein Unzurechnungsfähiger mit herabgemindertem Sensorium, mehr Tier
als Mensch. Es ist das sogar ein Argument, dessen sich die Wissenschaft bedient.
Aber es ist ein falsches Argument; die Voraussetzung ist falsch, und der Schluss,
den man daraus zieht, ist falsch. Meine Ansicht ist, dass alle Menschen gleich
tief empfinden, dass es keine Verschiedenheit in der Schmerzempfindlichkeit gibt.
Nur das Bewusstsein davon ist verschieden. Es ist sozusagen kein Unterschied in
der Buchführung, es ist ein Unterschied in der Abrechnung.«
    Er machte mit gesenktem Kopf einen Schritt gegen Niels Heinrich, der sich
nicht rührte, und während ein verschleiertes Lächeln um seine Lippen huschte,
fuhr er fort: »Missdeuten Sie mich nicht. Ich will auf Ihre Entschließungen nicht
im mindesten einwirken. Was Sie tun oder unterlassen, ist Ihre persönliche
Angelegenheit. Es ist eine Frage des Anstands und der Menschlichkeit, ob man den
armen Teufel aus seiner schrecklichen Situation befreien will oder nicht. Was
mich betrifft, so bin ich weit davon entfernt, Ihnen eine Handlung zuzumuten,
die nicht aus Ihrer eignen Überzeugung stammt. Ich betrachte mich nicht als
Vertreter der öffentlichen Ordnung; ich habe nicht dafür zu sorgen, dass die
Gesetze befolgt und die Menschen über ein Verbrechen, das sie beunruhigt,
aufgeklärt werden. Wozu wäre das nütze? Was würde besser dadurch? Ich will Sie
nicht fangen, ich will Sie nicht übertölpeln. Der Gang zu Gericht, die
Enthüllung der Tat, die Sühne vor der Welt, die Strafe, was hab ich mit all dem
zu schaffen? Nicht deshalb bin ich bei Ihnen.«
    Niels Heinrich war es, als drehe sich sein Gehirn mit einem knackenden
Geräusch. Er fasste nach der Tischkante und hielt sich fest. Ein Urstaunen war in
seinen Mienen. Der Unterkiefer sank herab; er lauschte mit offenem Mund.
    »Strafe, was heißt das? Bin ich befugt, Sie der Strafe zuzuführen? List
anzuwenden oder Gewalt, damit Sie Strafe erleiden? Es kommt mir nicht einmal zu,
Ihnen zu sagen: Sie sind schuldig. Ich weiß es nicht, ob Sie schuldig sind. Ich
weiß, dass Schuld da ist, aber ob Sie schuldig sind, und in welchem Verhältnis
Sie zur Schuld stehen, kann ich nicht wissen. Nur Sie selbst können es wissen.
Nur Sie selbst haben das Maß für das, was Sie getan haben, nicht die, die Ihre
Richter sein werden. Auch ich habe kein Maß dafür, aber ich richte nicht. Ich
frage mich: Wer darf richten? Ich sehe keinen
