
Besitzungen in der Krim, namentlich aber gegen die des Grossfürsten; und sie
wurde gewarnt durch ein anonymes Telegramm aus Moskau.
    Sie beachtete die Warnungen nicht. Sie glaubte, dies, gerade dies nicht
fürchten zu sollen, nicht fürchten zu dürfen, Bedrohung von dorther nicht, das
Niedrige, Hässliche nicht; und sie blieb. Doch dies Bleiben war Warten. Ein
Gefühl der Unentrinnbarkeit war über sie gekommen, keineswegs ausgehend von den
Meuterern und ihrem verbrecherischen Wüten, sondern vom Geiste her und von der
tiefen Logik der Dinge.
    Eines Abends stieg sie auf den Turm mit der goldenen Treppe. Auf der
Plattform oben über die dunkeln Baumwipfel und Meer und Land schauend, gewahrte
sie im Norden den Horizont dunkelrot besäumt. In einen Spitzenschleier gehüllt
stand sie und verfolgte sinnend das Anschwellen der Glut, ohne dass Sorge oder
die Frage nach der Ursache an sie rührte. Sie hatte ein durchdringendes Gefühl
des Schicksals und beugte sich fatalistisch.
    Susanne wartete im Saal der arabischen Fresken. Mit ihrem Derwischgang auf
und ab schreitend, kämpfte sie gegen verdüsternde Befürchtungen. Die Flamme
brannte nieder: was geschah mit Lukas Anselm? Das Um-ihn-Wissen und Für-ihn-Sein
war in den Jahren des Glanzes und der Erfüllung nicht schwächer in ihr geworden.
Das Werk, die Tänzerin, der er Art und Atem eingehaucht, hatte ihr als Zeugnis
für ihn gegolten, nach wie vor, und als Kunde von ihm. Und jetzt, was wurde da?
Dunkelheit kroch her; der Golem hielt inne in seinem entzückenden Spiel.
Erlahmte und erkaltete die Hand, die ihn geformt hatte und befehligte? War der
erhabene Geist müde geworden und besaß er die Kraft in die Ferne nicht mehr? War
das Ende gekommen?
    Eva trat ein, stutzte bei Susannes Anblick und setzte sich auf eine
Ottomane, zu deren Häupten Stöcke mit leuchtenden Hortensien aufgestellt waren,
die man jeden Morgen auswechselte. Sie war durchkältet vom Seewind; die Augen in
den tiefgemeisselten Höhlen blickten streng. »Was willst du?« fragte sie.
    »Ich glaube, wir sollten abreisen,« sagte Susanne, »länger zu zögern, wäre
nicht klug. Die kleine Militärabteilung, die von Yalta unterwegs ist, würde uns
bei einem Überfall auf das Schloss wenig nützen.«
    »Wovor fürchtest du dich?« entgegnete Eva; »fürchtest du dich vor Menschen?«
    »Ja, ich fürchte mich vor Menschen. Und Menschen gegenüber ist Furcht wohl
am Platz, scheint mir. Nimm deine Phantasie zu Hilfe und denke ihre Körper, ihre
Stimmen. Wir sollten reisen.«
    »Es ist töricht, sich vor Menschen zu fürchten,« beharrte Eva, stützte den
Arm auf ein Kissen und den Kopf in die Hand
