
unendliche Sehnsucht darin und die unendliche Enttäuschung. Auf seine Frage nach
ihrem Ziel und Tun schaute sie trüb-verwundert; gab es das, für ein Geschöpf wie
sie, Ziel? Betätigung? Zu andrer Stunde dann offenbarte sie flagellantisch die
vollkommene Inhaltslosigkeit ihres Lebens; alles war nur ein übler Spaß, den
sich das Schicksal mit ihr erlaubte, eine Medizin, die man schlucken musste, um
geheilt zu werden. Die Heilung war dort, wo das Leben nicht mehr war.
    Sie plauderte dergleichen so hin; es sollte nicht bitter sein; nicht einmal
der Mühe, bitter zu sein, lohnte es, dies Nichtige, Graue, Erbärmliche. »Wenn
nur wenigstens nicht so viele Menschen auf der Welt wären,« seufzte sie und
verzog die Stirn in ihrer komischen Weise. Doch schämte sie sich auch vor dem
Knaben, ward sich bewusst, dass sie in Worten frevelte, denn ihr Gefühl war ja
Qual für sie, und sie konnte nicht spüren, was es an Wärme spendete. Furchtsam
maß sie das Verständnis des kaum Fünfzehnjährigen an seinem düsteren Erlebnis,
von dem sie keine Kunde besaß, an seinem düsteren Geist, der ihn reifer
erscheinen ließ, und sank noch mehr in ihrer eignen Achtung, als sie ihn
nachdenklich und bewegt sah.
    Aber gerade ihre hingeworfene, heimlich blutende Schwäche, der
zerfleischende Kampf, den sie fast wie eine Wahnsinnige gegen sich selbst
führte, brachte ihn zum Erwachen und entzündete den Willen zur Welt in ihm. Er
sagte: »Sie hätten Ruth kennen müssen.« Seltsamer Schatten Ruts trat aus
Johanna hervor, Widerspiel Ruts. »Sie hätten Ruth kennen müssen,« sagte er
immer wieder, und ihrem Warum antwortete nur sein aufleuchtendes Auge, in dem
Ruts Bild bis jetzt geschlummert zu haben schien, um nun, in eine Flamme
verwandelt, ihn zu führen.
    Johanna sagte zu Christian: »Ich glaube, dein Schützling braucht mich nicht
mehr. Du brauchst mich erst recht nicht; also bin ich hier überflüssig und
drücke mich einstweilen.«
    »Ich möchte gern mit dir sprechen,« sagte Christian; »schon längst wollte
ich dich darum bitten. Willst du morgen um dieselbe Stunde kommen? Oder soll ich
zu dir kommen? Mach einen Vorschlag, ich füge mich dir.«
    Sie erblasste und erwiderte, sie wolle kommen.
 
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Sie kam um fünf Uhr; es war schon dunkel. Sie gingen in die Wohnung im
Vorderhaus, da im Hofzimmer Michael war. Zur Überraschung Christians hatte der
Knabe heute plötzlich den Wunsch nach Unterricht und einem Lehrer geäußert; auch
hatte er gefragt, wie er künftig sein Leben einrichten, wohin er gehen, zu wem
er gehen solle, wer ihn ernähren, wer ihn kleiden würde,
