 dich zur Tänzerin
geboren?« - »Ich glaube es.« Und er sprach zu ihr über den Tanz. Das schwankende
Gefühl wurde fest. Sie spürte den leichter und leichter werdenden Körper. Als er
sie verließ, schaute sie mit Augen, in denen schon der Ehrgeiz flammte.
    Er hatte sie gelehrt, mit aufgereckten Armen zu stehen, und kein Muskel
durfte zittern; sich auf den Fußspitzen zu halten, dass der Scheitel einen
hängenden spitzen Pfeil berührte; mit nackten Füßen bestimmte Figuren zwischen
aufgespiessten Nadeln zu gehen, und wenn jede Wendung den Gliedern eingefleischt
war, mit verbundenen Augen die Gefahr zu meiden; sich um einen vertikal
gespannten Strick zu wirbeln und ohne Hilfe der Arme auf hohen Stelzen zu
schreiten.
    
    Sie hatte vergessen müssen, wie sie bisher gegangen, geschritten, gelaufen,
gestanden war, und sie musste lernen, zu gehen, zu schreiten, zu laufen, zu
stehen. Es musste neu werden, wie er sagte; Glieder, Knöchel und Gelenke mussten
sich zu neuen Funktionen entschließen, so wie ein Mensch, der im Strassenschmutz
gelegen ist, neue Kleider anzieht. »Tanzen heißt Neusein,« sagte er, »in jedem
Augenblick frisch aus Gottes und seiner Engel Hand.«
    Er weihte sie ein in den Sinn und das Gesetz aller Bewegung, in die Struktur
und den Rhythmus jeglicher Gebärde.
    Er schuf die Gebärde mit ihr. Er dichtete um jede Gebärde ein Erlebnis. Er
zeigte ihr, was Flucht war, was Verfolgung, was Abschied, was Begrüßung; was
Erwartung, was Triumph; was Freude, was Angst. Es gab keine Regung eines
Fingers, an der nicht der ganze Körper teilzunehmen hatte; Spiel der Augen und
der Mienen kam so wenig in Frage, dass man das Gesicht getrost verhüllen konnte,
ohne dass der Ausdruck litt.
    Er schälte alles aus dem Überflüssigen; er forderte den Extrakt.
    »Kannst du trinken? So trinke.« Es war falsch. »Phrase; so hat der Mensch
nicht getrunken, der noch nie einen Trinkenden gesehen hat.«
    »Kannst du beten? Kannst du pflücken, die Sense schwingen, Körner sammeln,
einen Ring darreichen, einen Schleier binden? Gib das Bild davon! Stell es dar!«
Sie konnte es nicht. Er lehrte es sie.
    Wenn sie sich in die Wirklichkeit verirrte, schäumte er vor Zorn. »Die
Wirklichkeit ist ein Vieh!« schrie er und schleuderte eine seiner Krücken an die
Wand, »die Wirklichkeit ist ein Mörder!«
    Er erklärte ihr an Statuen und vor den Gemälden großer Künstler die
wesentliche und geadelte Linie und wie das Gedachte und Erbaute wieder mit der
Natur und ihrer Unmittelbarkeit in Harmonie gebracht war.
    Er sprach über die
