. Viele Bewohner des Hauses waren mit zum Grab
gegangen. Christian glaubte auch Johanna und Voss bemerkt zu haben.
    Auf dem Heimweg ging Doktor Voltolini an seiner Seite. Sie gingen eine Weile
schweigend, da kehrte sich Christian, ein unangenehmes Gefühl im Rücken
verspürend, plötzlich um. Etwa zehn Schritte hinter sich sah er Niels Heinrich
Engelschall. Dieser blieb stehen, als Christian stehenblieb, und schaute in eine
Auslage.
    Auf dem Kirchhof hatte sich Christian von den Freunden losgemacht, die ihn
begleitet hatten; auch jetzt wäre er lieber allein gewesen, aber er mochte den
Doktor nicht verletzen.
    An ein Gespräch anknüpfend, das sie schon vor dem Leichenbegängnis geführt,
sagte Doktor Voltolini: »Man müsste diesen Stübbe von seiner Familie trennen und
in eine Anstalt schaffen. Das Delirium kann jeden Moment zum Ausbruch gelangen,
dann erschlägt er vielleicht die ganze Gesellschaft. Und wenn auch nicht, die
arme Frau wird die Misshandlungen nicht mehr lange aushalten. Sie ist mit ihren
Kräften am Ende.«
    »Ich bin in den letzten Tagen ein paarmal dazwischen getreten,« antwortete
Christian leise; »Leute von nebenan halfen mir. Solch ein Mensch ist ärger als
ein Wolf. Und die Kinder stehen herum und zittern.«
    »Es ist so schwer, bei den Behörden Präventivmassregeln durchzusetzen,« sagte
Doktor Voltolini; »der Paragraph ist stärker als Vernunft und Menschlichkeit.
Ist ein Übel geschehen, so erhebt sich das Gesetz, unbarmherziger oft, als es
notwendig wäre. Es abzuwenden, dazu kann man es niemals bewegen.«
    Christian drehte sich wieder um. Noch immer ging Niels Heinrich hinter ihm;
abermals blieb er stehen, als Christian stehenblieb, sah gleichgültig in die
Mitte der Straße und spuckte aufs Trottoir.
    »Es wird nicht danach gefragt, was man weiß und will, sondern danach, was
man tut,« sprach Christian weitergehend.
    »Und das Getane, ist es selbst von der reinsten Absicht beseelt und vom
strengsten Pflichtbewusstsein diktiert, wird mit Schmutz beworfen und man muss
dafür leiden, wie für ein Verbrechen,« entgegnete Doktor Voltolini bitter.
    »Ist Ihnen das widerfahren?« erkundigte sich Christian mit seiner scheinbar
konventionellen Teilnahme, doch mit aufgeschlossenem und schon lauschendem
Blick.
    »Ich rede nicht gern davon,« begann der Doktor mit trüber Miene, »ich habe
hier noch mit niemand davon gesprochen. Sie sind der erste, der einzige, bei dem
ich den Wunsch habe. Gleich nachdem ich Sie kennenlernte, regte sich der Wunsch
in mir. Nicht als ob Sie mir raten oder beistehen könnten; dazu ist es zu spät.
Das Unheil hat ausgetobt und gehört der Vergangenheit an. Aber das immerwährende
Schweigen nagt, und ich entgehe einer Lähmung, wenn ich Ihnen
