
zu Hunderten und aber Hunderten den Fluss hinunterschwammen. Er ließ sich in die
Urwälder und die Dschungeln tragen und sah überall Tod und Leben so ineinander
verstrickt, dass eines Art und Züge des andern annahm, Verwesung die der Geburt,
Fäulnis die der Zeugung. Man erzählte ihm von der Marmorstadt eines Rajahs, in
der nur Tänzerinnen lebten, die von Fakiren unterrichtet wurden; wenn die Zeit
kam, wo sie verblühten und ihre Gelenke die Kraft einbüssten, wurden sie getötet.
Sie hatten das Gelübde der Keuschheit abgelegt, und wenn sie es brachen, wurden
sie getötet. Er ging hin, doch erhielt er keinen Einlass. In der Nacht sah er
Feuer auf den Dächern und hörte die Gesänge der jungfräulichen Tänzerinnen.
Bisweilen glaubte er auch einen Todesschrei zu hören.
    Diese Nacht mit den Feuern und den Gesängen, den geahnten Tänzen und dem
ungewissen Schrei speicherte neue Energien in ihm auf.
 
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Er brachte Eva nach Toledo. Er hatte dort ein Haus gemietet, in welchem, wie es
hieß, einst der Maler Greco gewohnt hatte.
    Das Gebäude war ein grauer Würfel, im Innern ziemlich öde. Es lebten Katzen
darin, Eulen, Fledermäuse und Ratten.
    Mehrere Räume waren angefüllt mit Büchern; die Bücher wurden Evas stumme
Freunde in den Jahren, die nun kamen und in denen sie fast keinen andern
Menschen sah als Rappard und Susanne.
    In diesem Hause lernte sie die Einsamkeit kennen, die Arbeit und die völlige
Hingebung an eine Idee.
    Sie betrat es mit der Furcht vor ihm, der sie durch seinen Willen
hergezwungen. Seine Sprache und sein Wesen schüchterten sie so ein, dass sie
Angstvorstellungen hatte, wenn sie an ihn dachte. Sie zu beschwichtigen, war
Susanne eifrig bemüht.
    Susanne erzählte vom Bruder, abends und nachts, wenn Eva mit einem bis zur
Verzweiflung erschöpften Körper dalag, vor Erschöpfung nicht schlafen konnte.
Sie war nicht verweichlicht, das Leben bei der Truppe hatte sie an die härtesten
Anstrengungen gewöhnt, aber dieser unaufhörliche Drill, diese eintönige Plage
der ersten Monate, in der alles wüst und schmerzlich war, ohne Lockung, ohne
Licht, ohne Begreifen fast, machte sie krank und ließ sie ihre Glieder hassen.
    Susanne beschwor sie mit dumpfer Stimme; Susanne streichelte ihre Arme und
Beine; Susanne trug sie ins Bett und las ihr vor. Und sie schilderte ihn, der in
ihren Augen ein Zauberer war, ein ungekrönter König, an dessen Blick und
Atemhauch sie hing und aus dessen Vergangenheit sie Szenen und Worte wiedergab,
weitschweifig und wirr oft, zuweilen auch so packend und bildvoll, dass Eva das
Glück der Fügung zu ahnen begann, welches ihn auf ihren Weg geführt.
    Dann kam ein Tag, wo er zu ihr redete. »Glaubst du
