 Warum bekehrst du sie nicht, die Ungläubigen? Deine besten
Talente lässt du verkümmern.«
    Voss machte eine Grimasse. Mit seinen ziehenden Schritten ging er in dem
atelierartig großen Raum umher. »Der Freigeisterei wird jeder Glaube zum
Schachergut, das ist klar,« bemerkte er bitter. »Was spottest du? Spottest
deiner selbst. Siehe nun wohl zu, dass nicht das Licht, das in dir ist,
Finsternis sei, heißt es im Evangelium. Aber was gilt dir das: Evangelium? Eine
gebildete Phrase. Schachergut.«
    Johanna, den Kopf in die Hand gestützt, flüsterte unhörbar vor sich hin:
»Wie gut, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.« Laut sagte
sie: »Schlechte Zensuren bekomm ich. Strafarbeit. Setzen Sie sich, Schülerin
Johanna; Ihre Faulheit riecht bis an mein Katheder.«
    »Hast du nie geglaubt?« fragte Amadeus, vor ihr stehenbleibend; »hat es dich
nie angerührt, das namenlose Wesen? Haben dich die Schauer vor ihm nie erbeben
gemacht? Kennst du die Ehrfurcht nicht? Aus was für einer Welt musst du sein!«
    Johannas Gesicht zuckte von Sarkasmus. »Wir sind den ganzen Tag damit
beschäftigt, ums goldne Kalb zu tanzen,« antwortete sie; »Urahne, Ahne, Mutter
und Kind. Stell dir das einmal vor. Schwindelerregend.«
    Unempfindlich gegen ihren Hohn, in welchem die gebrechliche und geistreiche
Anmut ihrer Natur zum Ausdruck kam, heftete Voss seinen Blick voll düsterer
Leidenschaft auf sie. »Glaubst du wenigstens an mich?« fragte er und umschlang
ihre Schultern.
    Sie bäumte sich, sträubte sich, drückte die Hände wider seine Brust und bog
den Kopf zurück. »An nichts glaube ich, an nichts,« sagte sie bebend, »an mich
nicht, an dich nicht, an Gott nicht, an nichts. Du hast recht, an nichts.« Ihre
Brauen verzogen sich schmerzlich, doch wie jedesmal, wenn er sie nahm und
packte, erlag sie der Glut. Es war das Letzte der Erde und des Lebens; die
letzte Betäubung; Schwäche, die Vernichtung will. Die spröde Lippe wurde weich
und erschloss sich, die Lider fielen zu.
    Amadeus, mit der Kraft des Verwilderten, hob sie ganz auf seine Arme. »An
dich nicht, an mich nicht, an Gott nicht,« murmelte er, »aber an ihn? An ihn
auch nicht? Sprich, an ihn auch nicht?«
    Sie schlug die Augen wieder auf. »An wen?« fragte sie erstaunt.
    »An ihn!« Er presste die zwei Worte gequält hervor. Sie begriff. Mit der
glatten Bewegung einer Schlange löste sie
