 bis auf den heutigen Tag. Sehnsucht, na ja, das ist auch so
ein ausgelaugter Begriff. Ich habe bisweilen dahin und dorthin gelangt in der
Verworrenheit und feigen Gier, bin erzittert, wenn mich ein Weiberärmel
streifte, war der Hanswurst von einer, die es darauf anlegte, dass ich auf den
Leim kroch, hab mir das Blut vergiften lassen von der Tänzerin, unseligen
Andenkens, hab in der Gosse gefischt und mich mit dem Abhub besudelt, bloß um
die Natur zum Schweigen zu bringen, die erbarmungslose Natur, die ein Erbteil
des Bösen ist, das Werk Satans.«
    Er hatte den Blick nicht vom Tische erhoben, und die Hieroglyphen bedeckten
die halbe Platte. »Ich will nichts versprechen mit meiner sogenannten Liebe,«
fuhr er fort, und sein herabgebeugtes Gesicht zog sich schmerzhaft zusammen,
»ich weiß nicht, wohin sie mich führt, und diejenige, die sich entschließt, mir
zu gehören. Mir zu gehören, wie das klingt; schauerlich, nicht wahr? Ich weiß
nur, dass die Betreffende sich um mein Seelenheil verdient machen würde, mich
erlösen würde von der Folterbank. Sie werden antworten: Was kümmert mich Ihr
Seelenheil? Was scheren mich die Folterqualen eines verlorenen Sünders? Gut,
reden wir davon nicht. Aber denken Sie einmal nach, ob Sie das noch sonstwo auf
dem Erdball gewinnen können, einen Menschen ganz und gar, einen Menschen mit
Haut und Haar? Mir ist jeder Schritt und jeder Hauch von Ihnen grenzenlos teuer;
die Wimpern Ihrer Augen und der Saum von Ihrem Rock enthalten für mich das
gleiche Leben; in Ihren Gelenken bin ich drin, Ihr Herzschlag erschüttert mich.
Es gibt eine Angst vor dem eignen Herzschlag; es gibt auch eine vor dem des
andern. Soll ich mich noch weiter explizieren? Es ist genug. Worte sind so
unheilig und immer bloß nebendran.«
    Da war das Weib in Johanna erlegen. Grausige Neugier bekam Gewalt über sie;
weil ihr alles Tun und Sein überhaupt fratzenhaft erschien, ließ sie sich müde
und geschlagen in die verzweifelt aufgereckten Arme gleiten.
    Sie fühlte sich ins Finstere gerissen; Hitze brütete, Glut frass. Die rasende
Leidenschaft, vor der sie bang abwehrend, frivol-anlockend, stumm-duldend,
verwegen-schürend stand, hatte Züge von Raubgier und Kannibalismus. Ein
orgiastisches Tier fiel sie an und stürzte zerknirscht vor ihr nieder.
Zerstörende Ekstasen und zermalmende Ermattungen wirkten hart gegeneinander.
Räume flohen fahl wie auf der Leinwand des Kinematographen; Stunden wurden nicht
durchlebt, sie verwesten.
    Sie schrieb an ihre Schwester nach Bukarest: »Eine Bitte: Du befindest dich
doch in unmittelbarer Nachbarschaft des Morgenlands, und dort soll es mächtige
Zauberer geben. Könntest du nicht einem von ihnen
