 dazu trieb. Viele
vermuten, Sie hätten bloß Dimitri Schelkow sehen wollen, der auf den Grossfürsten
geschossen hat. Sagen Sie mir den Grund; ich möchte den Schwätzern antworten.«
    »Den Schwätzern muss nicht geantwortet werden,« entgegnete Eva. »Ich fürchte
sie nicht und brauche keinen Verteidiger gegen sie. Ich weiß nicht, warum ich
hinging. Möglich, dass ich Schelkow sehen wollte. Er hat mich beschimpft. Er hat
sich die Mühe genommen, ein Flugblatt gegen mich zu verbreiten. Fünf seiner
Freunde sind dafür nach Sibirien geschickt worden, sechzehn-, siebzehnjährige
Knaben. Die Mutter eines von ihnen schrieb mir einen flehentlichen Brief; ich
sollte ihn retten. Ich habe es versucht; es war umsonst. Vielleicht wollte ich
wirklich Dimitri Schelkow sehen; es heißt von ihm, er habe Iwan Becker den Tod
geschworen.«
    »Schelkow ist einer der reinsten Menschen der Welt,« warf Ermelang leise
ein; »um ihn zu Geständnissen zu zwingen, hat man ihn gepeitscht.«
    Eva schwieg.
    »Gepeitscht,« wiederholte Ermelang; »diesen. Und es gibt noch Worte, es gibt
noch Lachen, es scheint noch die Sonne.«
    »Vielleicht wollte ich es sehen, wie sich ein Mensch unter Knutenhieben
windet,« begann Eva wieder. »Vielleicht war es mir wichtig als ein Reiz. Ich muss
mich nähren. Das Ungewöhnliche ist meine Speise. Eine Zuckung, ein originelles
Kauern, und die Phantasie ist befriedigt. Aber ich habe ihn gar nicht gesehen,«
fuhr sie mit dunklerer Stimme fort und blickte angestrengt an eine Stelle der
Wand; »ich habe andere gesehen, solche, die zehn, zwölf, fünfzehn Jahre in einem
finsteren Steinloch zugebracht hatten. Einst hatten sie sich in der großen Welt
bewegt, hatten ihren Geist mit edlen Dingen beschäftigt. Jetzt hockten sie in
Fetzen auf Fetzen und drückten die Augen zu, weil sie das Licht der kleinen
Laterne nicht aushalten konnten. Sie hatten verlernt zu blicken, verlernt zu
gehen, verlernt zu sprechen. Es roch nach Verwesung in ihrer Nähe; jede ihrer
Gebärden hatte einen sanften Wahnsinn. Aber auch um sie war es mir nicht zu tun.
Um Frauen war es mir zu tun. Ich sah Frauen, eingekerkerte Frauen, um einer
Überzeugung willen der Liebe, dem Leben, der Mutterschaft, der Hingabe entrissen
und zum langsamen Foltertod verurteilt. Nicht einmal verurteilt, sondern
vergessen. Viele sind einfach vergessen worden, und wenn die Freunde
Gerechtigkeit verlangen, droht ihnen Gleiches. Ich sah eine, die als junges
Mädchen gekommen war und nun als Greisin im Sterben lag. Ich sah Natalie Elkan,
die in Kiew von einem Gendarmerieoberst vergewaltigt worden war und den Unhold
mit seinem eignen Säbel
