 ein Gefühl, das ich dir nicht
schildern kann, Mutter, auch nicht, wenn ich von jetzt bis in die Nacht zu dir
reden würde. Es geht durch und durch, durch den ganzen Menschen, durch die ganze
Existenz, und will man sich ihm entziehen, so wird es nur um so heftiger.«
    Er erhob sich unter dem Druck einer neuartigen Erregung, die sich seiner
bemächtigte, und fuhr etwas raschersprechend fort: »Nicht im Unterschied von arm
und reich besteht das Unrecht. Nicht in der Willkür hier, im Erleiden dort.
Nicht in dem. Sieh mal, wir alle sind in der Anschauung aufgewachsen, dass das
Verbrechen seine Sühne findet, dass auf Schuld Strafe folgt, dass jede Tat ihren
Lohn bereits in sich trägt, mit einem Wort, dass eine Gerechtigkeit vorhanden
ist, die, wenn nicht vor unsern Augen, so doch über unsern Köpfen alles
ausgleicht, ordnet und vergilt. Das aber ist nicht wahr. Ich glaube nicht an
Gerechtigkeit. Es gibt keine Gerechtigkeit. Es ist nicht möglich, dass es eine
gibt, sonst wäre das Leben, das die Menschen führen, nicht so wie es ist. Und
wenn es nun keine Gerechtigkeit gibt, von der die Menschen gewohnt sind zu
sprechen und auf die sie sich verlassen, wenn unter ihnen ein Unrecht geschieht,
so muss im Leben der Menschen selbst die Quelle des Unrechts verborgen sein, und
man muss ausfindig machen können, wo sie steckt. Man kann es aber nicht ausfindig
machen von außen; man muss innen sein, innen und drunten. Siehst du, das ist es.
Jetzt begreifst du vielleicht.«
    Ein unermessliches Erstaunen malte sich in den Zügen der Frau. Sie hatte
dergleichen nie vernommen, noch war sie darauf gefasst gewesen, es je zu
vernehmen, am wenigsten von ihm, dem Schönen, Festtäglichen, aller Niedrigkeit
Entrückten, als der er noch immer durch ihre abgekehrten Vorstellungen wandelte.
Sie wollte antworten, ja glaubte schon zu antworten: Deines Amtes ist so etwas
zuletzt, denn dafür bist du nicht geboren und kannst du nicht sein. Schon hatten
die verzweifelten Worte ihr Gesicht mit Verzweiflung überdüstert, da sah sie ihn
an und sah, dass er wohl entrückt war, aber nicht der Sphäre, die sie hasste, mied
und für ihn fürchtete, sondern ihr, ihr selbst, ihrer Welt, seiner Welt, sich
selbst. Sie sah einen fast Unbekannten in einem geistergleichen Schimmer; Ahnung
umzuckte ihre gefrorene Seele; die Sehnsucht, von der er gesprochen, obschon ihr
sogar im Worte fremd, war in der Ahnung drinnen; Angst vor völliger Einbusse
seiner Liebe ließ Jahre hinter ihr als versäumte Jahre erscheinen; scheu sagte
sie: »Du hast angedeutet,
