 Besserung und Umwandlung so
weit gediehen, dass sie wie Neugeschaffene in das bürgerliche Leben zurückgekehrt
sind und jeder Versuchung tapfer standhielten. Freilich hängt der Erfolg häufig
davon ab, wie man sie vor der Not behüten kann. Hier fehlt fast alles. Von
Gutmeinenden wird manche Hilfe geleistet; auch der Staat steuert bei, wennschon
in seiner kargen Manier; es ist zu wenig. Wie wäre es nun, wenn Sie von dem
Vermögen, das Sie Ihrem Vater überweisen, es ist ja sehr bedeutend, ein Kapital
ablösen würden, deren Zinsen für entlassene Sträflinge verwendet werden? Zucken
Sie nicht zurück; hören Sie mich zu Ende. Dieses Kapital bestünde in sicheren
Papieren, sagen wir in der Höhe von dreimalhunderttausend Mark; das genügt; das
sind annähernd fünfzehntausend Mark Interessen, das genügt, damit lässt sich
herrlich viel ausrichten. Die Papiere anzutasten und zu veräussern, seitab vom
Zinsendienst und ohne Verklausulierung, ist Ihnen allein erlaubt. Sie nehmen
davon monatlich oder vierteljährlich eine von Ihnen selbst zu bestimmende Summe,
von der Sie Ihre Lebensbedürfnisse bestreiten. Die Zinsen zu beziehen und in
nachzuweisender Art zu verwenden, steht nur mir und meinen Amtsnachfolgern zu.
Das alles müsste rechtskräftig festgelegt werden. Der Zweck, leicht einzusehen,
ist ein doppelter. Erstens die Werktätigkeit, das große gute Schaffen; dann die
natürliche Hemmung für Sie: jede überflüssige und unbesonnene Ausgabe gefährdet
ein Schicksal; jede Enthaltsamkeit, die Sie üben, setzt sich um in Glück, in ein
Stückchen Menschenglück. Das gibt den Richtungspunkt, den Damm, die sittliche
Linie. Es ist ein selbsttätiger moralischer Mechanismus sozusagen. Bei der von
Ihnen erstrebten Unabhängigkeit handelt es sich um zwei, drei Jahre, schätze
ich; bis dahin können Sie bei der Lebenshaltung, die Sie sich vorgesetzt haben,
wohl kaum mehr als ein Zehntel des Kapitals verbraucht haben. Auch das ist
natürlich wieder ein Problem für Sie, aber eines, dünkt mich, das Sie locken
müsste, sich daran zu erproben. Sie brauchen nicht an das humane Ziel zu denken.
Ich weiß ja jetzt, Sie haben es auch in dem Brief an Ihren Vater ausgedrückt,
dass Sie derlei aus mir unzugänglichen Gründen abgeneigt sind. Ich könnte Ihnen
aber Dinge mitteilen und von Fügungen erzählen, die Sie erkennen ließ, wie da
die feinsten Blutfasern des Menschengeschlechts Gift einsaugen, und wie heilig
dringend es ist, dies Seelenerdreich umzupflügen. Könnten Sie nur einmal einen
der Genesenen, der Freiheit und Hoffnung Wiedergeschenkten von Angesicht zu
Angesicht sehen, der Augenschein belehrt und befeuert ja wundersam, so wären Sie
auch in Ihrem Gemüt für meine Sache gewonnen.«
    »Sie überschätzen mich, Herr Pastor,« sagte Christian mit seinem
unbestimmten Lächeln; »es ist immer dasselbe: alle überschätzen mich in
