 Sie sich
ernähren?« fragte der Pastor. »Ich kann Ihnen nur die Worte wiederholen, die mir
Ihr Vater bei unsrer letzten Unterredung zurief: Will er betteln? Mildtätige
Gaben in Anspruch nehmen? Hungern? Sich dem Zufall anvertrauen und schlechten
Freunden? Schleichwege gehen? Zu Unerlaubtem greifen? Und zuletzt doch als
reuiger Narr zurückverlangen nach dem, was er von sich geworfen hat? Ich habe
Ihren Vater erinnerlichermassen nie in solcher Verfassung gesehen und nie Reden
von solcher Leidenschaftlichkeit von ihm gehört.«
    »Mein Vater mag sich beruhigen,« erwiderte Christian; »nichts von dem, was
er fürchtet, wird geschehen. Auch nichts von dem, was er möglicherweise hofft:
das Zurückverlangen nämlich. Daran ist so wenig zu denken, wie dass der Vogel
wieder zum Ei wird oder das Feuer zum Holzscheit.«
    »Hatten Sie denn von vornherein im Sinn, sich aller pekuniären Stützen
vollständig zu berauben?« forschte Pastor Werner vorsichtig.
    »Nein,« erwiderte Christian zögernd, »das wohl nicht. Ich bin dem nicht
gewachsen; jetzt noch nicht. Man muss das erst lernen. Es ist schwer; etwas so
Schweres muss man lernen. Das Leben in der Großstadt würde zu viel Fatales und
Störendes mit sich bringen. Auch habe ich gewisse Verbindlichkeiten übernommen.
Es gibt einige Menschen, die in einer bestimmten Weise auf mich gerechnet haben,
ich weiß nicht, wie weit sie imstande sind, mit mir zu gehen. Ich habe ja
überhaupt kein Programm; was sollt ich denn mit einem Programm anfangen? Es
handelt sich darum, dass ich endlich einmal in eine klare und vernünftige
Situation komme und die dummen Quälereien los bin. Ich will mir den Überfluss vom
Halse schaffen; Überfluss ist, was ich nicht ganz unbedingt und nach strenger
Prüfung für mich und jene paar Menschen zum Leben brauche. Jedes Brauchen aber
lässt sich meiner Meinung nach vermindern, und so lange vermindern, bis aus dem,
was man entbehrt, ein Gewinn wird.«
    »Versteh ich Sie also recht,« sagte der Pastor, »so ist Ihre Absicht, einen
Teil Ihres Vermögens zur Sicherung gegen die nackte Notdurft zu behalten?«
    Christian setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Ja,«
sagte er leise, »ja. Aber das ist eben der Punkt, über den ich nicht ins reine
komme. Ich kann nicht ergründen, wo da die Grenze zwischen Recht und Willkür
liegt. Ich war leider an Verhältnisse gewöhnt, die mich mit der Zeit unfähig
gemacht haben, diese neuen Umstände praktisch zu beurteilen. Es fehlt mir der
Maßstab für das, was entbehrlich und was notwendig ist, mehr gegen die andern
als gegen mich. Sie haben
