 genügt, um die Augen einer Welt
auf die Tänzerin Eva Sorel zu lenken. In den großen Zeitungen stand ihr Name
unter den Zelebritäten, ihre Kunst galt als hohe Blüte der Epoche.
    Es lagen ihr alle zu Füßen, deren geistig-unruhigem Verlangen sie eine
Gestalt dargeboten hatte. Die Vorläufer der gehetzten Menschheit schöpften Atem
und blickten zu ihr empor. Die Anbeter der Form und die Verkünder eines neuen
Rhythmus warben um ein Lächeln ihres Mundes.
    Sie blieb gelassen und gegen sich selber streng. Der Lärm des Beifalls
ermüdete sie manchmal. Von den Verheißungen gieriger Unternehmer bedrängt,
verspürte sie nicht selten ein leises Grauen. Ihr innerer Blick, gegen ein
unerreichbares Ziel gekehrt, trübte sich vor Leichtzufriedenen, die Dank
stammelten. Diese, schien es ihr, wollten sie betrügen. Und sie flüchtete zu
Susanne Rappard und ließ sich schelten.
    »Wir sind ausgezogen, die Welt zu erobern,« sagte Susanne; »sie gibt sich
dir fast ohne Kampf, warum triumphierst du nicht?«
    »Was meine Hände halten und was meine Augen fassen, gibt mir noch keinen
Grund zu triumphieren,« erwiderte Eva.
    Susanne jammerte: »Närrin, iss dich satt, da du doch gehungert hast.«
    »Sei still,« wehrte Eva ab, »was weißt du von meinem Hunger.«
    Ihre Schwelle wurde belagert, doch sie empfing nur wenige, die sie
sorgfältig auswählte. Sie lebte in einer Blumenwelt. Jean Kardillac hatte ihr
ein entzückendes Hotel eingerichtet, dessen Gartenterrasse ein tropisches
Paradies war. Wenn sie dort am Abend saß oder lag, unter dem gemilderten
Lampenschein, von leise plaudernden Freunden umgeben, deren absichtslosester
Blick eine Huldigung war, schien sie dem Bereich des Willens und der Sinne
entrückt und weilte nur noch als schöner Leib im gegenwärtigen Raum.
    Die ihr jede Verwandlung zutrauten, erstaunten doch über eine plötzliche,
deren Ursache ein Unbekannter und Unscheinbarer war. Der junge Fürst Alexis
Wiguniewski hatte ihn bei ihr eingeführt. Er hieß Iwan Michailowitsch Becker. Er
war klein und hässlich, hatte tiefliegende Sarmatenaugen, Lippen, die wie
geschwollen aussahen, und schwarzes Bartgestrüpp an Kinn und Wangen. Susanne
fürchtete ihn.
    Es war eine Nacht im Dezember, der Schnee lag vor den Fenstern, da hatte
Iwan Michailowitsch Becker acht Stunden lang in dem kleinen Zimmer, wo die
italienischen Teppiche hingen, mit Eva Sorel gesprochen. Im Zimmer daneben ging
Susanne fröstelnd auf und ab, gewärtig, einen Hilferuf der Herrin zu vernehmen;
sie hatte einen alten Schal um die Schultern geworfen, von Zeit zu Zeit zog sie
eine Krachmandel aus der Tasche, zerbiss sie und spuckte die Schale in den Kamin.
    In dieser Nacht ging Eva nicht schlafen, auch nicht, als der Russe sie
verlassen hatte
