 ändern musste. Sie
spielte die Liebenswürdige und Bekehrte und warb geschmeidig um Gunst. Der kluge
Doktor Herbst durchschaute sie, ließ es sie jedoch nicht merken und behandelte
sie mit ritterlicher Artigkeit, die altmodisch wirkte und hinter der er seine
Vorbehalte verbarg.
    Manchmal saß sie abends in Gesellschaft der beiden Männer und beteiligte
sich an Fachgesprächen über Dichter und Teaterstücke, Komödianten und
Komödiantinnen, Erfolge und Misserfolge. Während sie aufmerksam schien oder eine
Frage einwarf, dachte sie an die Schneiderin, an die Köchin, an die
Wochenrechnung, an das frühere, versunkene, völlig andersgeartete Leben, und
ihre Augen blickten hart.
    Es kam vor, dass sie mit erbitterter Miene durch die Zimmer ging und sich an
allen Dingen feindselig maß. Da hasste sie die vielen Spiegel, deren Lorm
bedurfte, die vorgestern gekauften Teppiche, die prunkvollen Möbel und Gemälde,
die zahllosen Bibelots, Photographien, Schmuckgeräte, Bücher und pietätvoll
bewahrten Erinnerungsstücke.
    Sie hatte nie in Häusern gewohnt, wo Mietsparteien über den Köpfen und unter
den Füßen durch ihr widrig-unbekanntes Dasein störten. Erbittert lauschte sie
den Geräuschen und dünkte sich zu einer Kasernenexistenz erniedrigt.
    Es war nicht ihr Element, jeden Morgen zu warten, bis sich der Herr vom
Lager erhob; zu sorgen, dass beim Frühstück nichts mangelte; beiseite zu stehen,
bis der Barbier, der Masseur, der Chauffeur, der Teaterdiener, die Sekretärin
ihre Weisungen erhalten und abgefertigt waren; wieder zu warten, bis er müde,
verstimmt und ausgehungert von der Probe kam, und ihm beim Essen zuzusehen, das
er lecker und reich zu haben wünschte, und das er hinunterschlang wie einen
Frass; ihm Lärm und Besuch fernzuhalten, wenn er memorierte; von Fremden ans
Telephon gefordert zu werden, Auskünfte zu erteilen, Einladungen abzusagen,
Lästige fortzuschicken, Ungeduldige zu vertrösten. Es war nicht ihr Element,
aber sie bezwang sich, so wie sie sich bezwungen hatte, als man ihr die Nadel
durch den Arm gestochen hatte.
    Emanuel Herbst, scharfer Beobachter und beinahe gelehrter Kenner der
menschlichen Natur, zergliederte für sich im stillen das Verhältnis zwischen den
beiden Gatten. Er sagte sich: Lorm hält ihr nicht, was sie sich von ihm
versprochen hat, so viel ist klar; sie hat geglaubt, ihn schälen zu können, wie
man eine Zwiebel schält, so dass sie beständig etwas Überraschendes und Neues in
die Hand bekam, hinreichend, sie für alles zu entschädigen, was sie aufgegeben
hat. Sie wird bald begreifen, dass ihre Rechnung falsch war; denn Lorm bleibt
derselbe; Lorm bleibt sich selber gleich; ihn kann man nicht schälen. Er trägt
nur Kostüme, er schminkt sich nur. Eben dies Vermögen, leere Gefäße immer wieder
mit schönem Inhalt zu füllen und
