, und Spangen an ihren Füßen tragen, so wird der Herr den Scheitel
der Töchter Zions kahl machen und entblössen ihre Scham. Und wird allen Schmuck
beseitigen, den Schimmer der Fusskettchen, die kleinen Sonnen und die kleinen
Monde, die Ohrgehänge, Armbänder und die Schleier, den Kopfputz, die Gürtel, die
Riechfläschchen, die Amulette, die Fingerringe, die Oberkleider und Mäntel, die
weiten Gewänder und die Beutel, die Spiegel, Hemden und Kopfbinden. Und statt
Balsamduft wird Modergeruch sein, statt Gürtel Stricke, statt Haargeflecht
Kahlheit, statt eines weiten Mantels ein enger Sack, und statt der Schönheit
Brandnarben. Fallen werden deine Männer durch das Schwert und deine Helden im
Kriege. Wehklagen werden dann und trauern deine Tore, und beraubt wird jene auf
der Erde sitzen.
    Am selben Abend fuhr er nach Berlin.
 
                                       11
Lorm und Judit bewohnten eine prunkvolle Etage im Berliner Tiergartenviertel.
    Edgar Lorm blühte auf. Ordnung und Regel beherrschten sein Leben. Mit
kindlicher Ruhmredigkeit sprach er von seinem Heim. Sein Direktor und Freund,
der Doktor Emanuel Herbst, beglückwünschte ihn zu der Verjüngung, die an ihm
bemerkbar wurde.
    Menschen, die ihm seit langem etwas galten, führte er Judit vor. Sie
äußerte sich über die meisten mit liebloser Schärfe. Ihr Wahnschaffescher
Hochmut verscheuchte Gutmeinende. Aus Bequemlichkeit unterwarf sich Lorm, der
Vielumworbene, ihrem Urteil.
    Nur Emanuel Herbst gab er ihr nicht preis. Als Judit über ihn spottete,
über seinen wackligen Gang, seine Hässlichkeit, seine lächerlich dünne Stimme,
seine geschmacklosen Kalauer, erwiderte er ernst: »Ich kenne Herbst seit mehr
als zwanzig Jahren. Was dich an ihm stört, ist mir genau so lieb wie die
Eigenschaften, die ich an ihm schätzen gelernt habe und von denen du noch nichts
weißt.«
    »Er ist sicher ein Ausbund von Tugend,« versetzte Judit, »aber er langweilt
mich über die Massen.«
    Lorm sagte: »Man muss sich an den Gedanken gewöhnen, dass die andern Menschen
nicht immer zu unserm Vergnügen da sind. Du stehst zu einseitig auf dem Luxus-
und Verbrauchsstandpunkt. Es gibt an Männern eine Qualität, die ich höher
anschlage als Schönheit und aristokratische Manieren: das ist Verlässlichkeit.
Die Leute, mit denen man in meinem Beruf zu tun hat, entziehen sich den
bürgerlichen Pflichten, namentlich der Pflicht, ein gegebenes Wort zu halten,
mit einer Ruhe und Frivolität, die einem den Ekel bis an den Hals treibt. Da ist
es mir unendlich wertvoll und ich kann es Herbst nicht genug danken, dass das
Verhältnis zwischen uns ohne den Schatten eines Misstrauens und jedes Ja und Nein
so gültig und unumstösslich ist wie ein geschriebener Vertrag.«
    Judit erkannte, dass sie Herbst gegenüber ihre Taktik
