 doch in einem Wort gefunden. »Wann bekomme ich mein Bild,
die Kreuzabnahme?« erkundigte sich Imhof.
    Weikhardt antwortete nicht darauf. Sein hübsches, glattes, jungenhaftes
Gesicht bekam, je länger er sprach, immer mehr Ähnlichkeit mit dem eines
zänkischen alten Mannes. Doch seine Stimme blieb sanft und langsam und sein
Wesen phlegmatisch. »Die heutige Menschheit hat den Glauben verloren,« fuhr er
fort; »der Glaube ist ausgeronnen wie das Wasser aus einem zersprungenen Glas.
Die Zeit wird von der Maschine tyrannisiert; es ist eine Pöbelherrschaft
sondergleichen. Wer rettet mich vor der Maschine, vor dem Betrieb? Das goldene
Kalb hat die Tollwut bekommen. Der Geist macht Kotau vor dem Warenhaus.
Vielleicht rettet mich das I.N.R.I. vor dem M.W. Machen wir, heißt die Parole,
m.w. Wir machen Christentum, wir machen Renaissance, wir machen Eiweiss, wir
machen Kultur, brav und folgsam unter staatlicher Kontrolle, und wenns nicht
ganz das Echte ist, ists doch brauchbar. Alles wendet sich ans Äußere, alles
wird Ausdruck, Linie, Schnörkel, Gebärde, Maske; alles wird an die Mauer geklebt
und blendend beleuchtet, alles ist das Neueste, bis das Allerneueste in Funktion
tritt: die Seele flieht, die Güte hört auf, die Form zerbricht, die Ehrfurcht
stirbt. Graut Ihnen nicht auch ein wenig vor dem Geschlecht, das jetzt
heranwächst? Es ist eine Luft wie vor der Sintflut.«
    »Male Maler, schimpfe nicht,« sagte Imhof mild.
    »Freilich,« gab Weikhardt etwas beschämt zu, »wir wissen ja nicht, worauf
alles abzielt. Aber es gibt doch Symptome, die einem wenig Hoffnung lassen,
typische Fälle gewissermaßen. Haben Sie von dem Selbstmord des
Deutschamerikaners Scharnitzer gehört? Er war in Künstlerkreisen ziemlich
bekannt, ging selber in die Ateliers und kaufte, was ihm gefiel, ohne zu
handeln. Manchmal kam er mit seiner achtzehnjährigen Tochter, einem engelschönen
Geschöpf; Sybil hieß sie, und für sie kaufte er auch die Bilder; sie liebte
besonders Stilleben und Blumenstücke. Der Mann hatte in Kalifornien durch
Holzhandel viele Millionen verdient und sich dann hierher zurückgezogen, in die
alte Heimat, um dem Mädchen eine Atmosphäre von Bildung und Ruhe zu schaffen.
Sybil war sein einziger Gedanke, seine Hoffnung, sein Idol, seine ganze Welt. Er
war nur kurz verheiratet gewesen, die Frau war ihm durchgegangen, wie es heißt
mit einem Mulatten, und auf dieses Kind hatte er nun alles gesetzt, was ihm,
nach einem Leben fieberhafter Arbeit, an Gefühl und Vertrauen und Zukunft
geblieben war. Er sah ein erlesenes Wesen in ihr, eine kleine Heilige, und so
erscheint
