
    Aus einer Ecke des Gemachs hatte sich die Hündin Freia erhoben. Sie trat zu
Christian und legte schmeichelnd den Kopf auf seinen Schenkel. Albrecht
Wahnschaffe, in einer leichten Regung von Eifersucht, gab dem Tier einen Klaps
auf die Flanke.
    Er fuhr fort: »Ein solches Ausmass von Arbeit bedeutet natürlich Verzicht auf
allen Linien. Man ist Pflugschar, die aufreisst und rostet. Man ist Brennstoff,
der Helligkeit gibt und verzehrt wird. Ehe, Familie, Freundschaft, Kunst, Natur,
sie existierten kaum für mich. Ich habe gelebt wie der Bergmann im Stollen. Und
welchen Dank hatte ich? Unsre Volksbetrüger füttern ihren Anhang mit dem frechen
Märchen, als seien wir die Vampire, die das Blut der Unterdrückten trinken. Sie
wissen nichts, die Brunnenvergifter, oder wollen nichts wissen von den
Erschütterungen, Leiden und Entbehrungen, an die der friedliche Lohnsklave mit
keiner Ahnung hinreicht.«
    Freia schmiegte sich dichter an Christian, leckte seine Hand und warb
demütig um seinen Blick. Die stumme Zärtlichkeit des Tieres tat ihm wohl. Er
runzelte die Stirn und sagte lakonisch: »Wenn es so ist und du es so empfindest,
warum immerfort arbeiten?«
    »Es gibt auch eine Pflicht, du Weichgebetteter, es gibt eine Treue gegen die
Sache,« erwiderte Albrecht Wahnschaffe, und seine blassblauen Augen zürnten.
»Jeder Bauer hängt an dem Stück Erdreich, dem er seine Sorge weiht. Als ich
anfing, war unser Land noch ein armes Land. Heute ist es ein reiches Land. Ich
will nicht behaupten, dass meine Leistung dem Ganzen gegenüber hoch in Betracht
kommt; aber sie ist einzurechnen. Sie ist ein Symptom unsres Aufschwungs, unsrer
jungen Macht, unsres wirtschaftlichen Gedeihens. Wir stehen nun auch unter den
großen Völkern und haben einen Leib und ein Gesicht.«
    »Was du sagst, ist gewiss richtig,« versetzte Christian, »leider fehlt mir
der Sinn dafür. Ich bin in dieser Hinsicht entschieden mangelhaft organisiert.«
    »Fünfundzwanzig Jahre früher, und dein Los wäre gewesen, ein Brotverdiener
zu sein,« sprach Albrecht Wahnschaffe weiter, ohne auf den Einwand zu achten;
»heute bist du Nachfahr und Erbe. Deine Generation blickt in eine verwandelte
Welt und Zeit. Wir haben euch Flügel an die Schultern geheftet, und ihr habt
vergessen, wie beschwerlich das Kriechen ist.«
    Christian, im dunklen Verlangen nach der Wärme eines Körpers, nahm den Kopf
der Hündin zwischen seine Hände, die mit dankbarem Knurrlaut sich erhob und die
Vorderpfoten gegen seine Schultern stemmte. Mit einem Lächeln, das noch dem
Spiel mit dem Tier galt, sagte er: »Keiner verschmäht, was ihm in den Schoss
fällt. Ich habe freilich nie gefragt, woher es kommt
