 in diesen beiden ein solcher
Fremdkörper bilden können, so würde sich das Leben schon gegen diesen wehren und
- zum produktiven Künstler oder Philosophen oder Heroen werden. Kunst ist eben
nicht um ihrer selbst willen da, ihr Zweck besteht nicht darin, »die letzte
Tiefe und die ganze Fülle des Mannes kondensiert und sinnfällig - für wen? -
darzustellen«, sondern sie ist ein patologischer Prozess, Krankheit und Medizin
zugleich. Und wenn wir noch einmal unterscheiden wollen, so könnte man mich
fragen: bist du pachyderm? das wünsche ich dir von Herzen! oder zählt man dich
zu der Unzahl der Dyspeptiker? nun, es ist eben eine Unzahl! oder aber darf man
dich eupeptisch nennen? man mag es tun, aber weißt du, ich traue dir und deinen
Lobrednern in diesem Fall nicht recht - du siehst mich ungläubig an? nun, bist
du denn von gestern oder übermorgen? lebst du nicht heute?
    Das mag ja nach etwas klingen, und so weit ich Sie kenne, stellen Sie Ihre
Sätze auch nur des Klingens wegen auf.
    Und berausche mich an meinem eigenen Klang?
    Das würde wenigstens nicht im Widerspruch stehen mit Ihrem Liebesrausch und
Ihren anderen braunen Getränken; ich wüsste auch für diesen schon ein apartes
Wort - - vorhinnen übrigens bezeichneten Sie die Poesie als Rauschbeere und
Wegweiserin zum Rausch und wünschten sie dahin, wo der Pfeffer wächst. Und jetzt
wird sie zur notwendigen Medizin!
    Und ich glaube, mit Recht. Zum Teufel aber wünsche ich sie, weil wir in der
Selbstanalyse eine schnellere Heilerin haben als in der anscheinend objektiven
Darstellung des Leidens, wozu ich auch das Überwältigtwerden von Problemen,
Ideen und heroischen Trieben rechne. Nur ist das Begleitgefühl dieser Prozedur
anderer Art als das der objektiven Darstellung; ist dieses warm und berauschend,
so ist jenes kalt und deprimierend; allerdings mag ihm auch ein kleiner Rausch
der Erkenntnis beigemischt sein; denn ohne diesen süßen Nebel scheint es einmal
bei uns nicht gehen zu können - ich möchte überhaupt wissen, wieviele Stunden
wir im Leben völlig nüchtern sind.
    Dann sollte aber auch die Kunst eine Rauschbeere sein, deren betäubenden
Saft der Kranke, also Ihre produktive Natur, immer wieder zu sich nimmt. Er
sollte doch froh sein, den Fremdkörper ausgeschieden zu haben: weswegen schafft
er sich mit Absicht einen neuen an?
    Ich möchte hier unterscheiden zwischen akuten und chronischen - Künstlern.
Zu den akuten zähle ich Goethe; er erkrankte oft, fand sich aber immer wieder zu
seinem kräftigen Gleichgewichtszustand zurück; zu den chronischen, die große
Überzahl, das sind die typischen Dichter, die ganze romantische Bande von
Kalderon an über Shakespeare bis zu unseren heutigen Literaten, die fast
durchweg krank sind. Aber das ist das Groteske dieser Sache,
