 selbst kann sich nicht bewerten, ebensowenig wie ich den Wert eines
anderen Lebens bestimmen kann. Ich kann höchstens von mir ausgehend durch
Analogie die Tätigkeiten eines anderen Lebens nach ihren Zwecken einschätzen:
wie wichtig ist dieser Zweck für das Leben des Andern und wie weit erreicht die
darauf gerichtete Tätigkeit ihr Ziel? mehr kann ich nicht fragen.
    Aber die Tätigkeiten eines einzelnen Lebens insgesamt müssen doch einen Wert
haben, nach welchem ich es einschätze.
    Einen Wert - für wen? Für das Leben selbst, oder für die Anderen?
    Nicht für das Leben selbst und nicht für die Anderen, sondern in sich.
    Damit kommen wir nicht weiter. Jedes Ding hat seinen Wert in sich, kein Ding
hat in sich einen Wert. Zum Begriff Wert gehört die In-Beziehung-Setzung eines
Dinges zu einem anderen. Wir müssen einen Maßstab haben.
    Nehmen Sie den der Zahllosen: den Nutzen des Einzelnen für die Gesamtheit.
    Es gibt nun aber keine organische Gesamtheit der Lebewesen, für die das
Einzelne mit Bewusstsein und Absicht tätig wäre; jedes ist eine abgeschlossene
Welt für sich und nur tätig für sich; die Gesamtheit ist sekundär, nicht viel
mehr als ihre Zahl. Allerdings können die Äußerungen des einzelnen Lebens
mittelbar für andere mehr oder weniger nützlich sein.
    Danach wäre es denn »nützlicher, einen Morgen Land mit Weizen zu bebauen,
als eine Ilias zu dichten; denn ohne Poesie kann man leben, ohne Brot nicht«.
    »Folglich ist ein Hufner mehr wert als Homer«, wollen Sie schließen. - Wir
haben nichts anderes, von wo aus wir den Wert einer Tätigkeit bestimmen können,
als ihren Zweck. Und da nun auch die Schwierigkeit, nach der vielleicht einer
eine Handlung messen wollte, ein subjektiver und damit unbrauchbarer Maßstab
ist, - betrachten wir Ihren Dichter. Für ihn ist die Tätigkeit, die auf die
Beruhigung seines aufgewühlten Gemütslebens hingeht, - und diese Beruhigung
erreicht er durch die Darstellung seines Leidens - wertvoller als die auf die
Befriedigung leiblicher Notdürfte gerichtete. Ist sein Geist vom Übermaß eines
Leides zerstört, so nützt ihm auch die reichste Kornkammer und der gefüllteste
Geldbeutel nichts. Goethe wäre zu Grunde gegangen, hätte er nicht den Werter
schreiben können. Und diese Tätigkeit war nützlich, weil sie ein sehr
begründetes Bedürfnis befriedigte. Die Nützlichkeitswertung macht keineswegs die
Menschen gleich. Jedes Leben wirkt für sich, und dort wo die stärksten
Reaktionen vor sich gehen zur Wiederherstellung eines gestörten Gleichgewichts,
fällt sorglos eine Menge Segen - und Unheil - ab für andere. Diese Wertung
schafft keine Demokratie, aber auch keine Aristokratie, sie schafft überhaupt
keine Krateia. Denn wenn jedes Leben sich auf seine Weise gegen die Außenwelt
wehrt, und gerade sich so und nicht anders wehren muss,
