 einem
hoffnungslosen Wanderer, der einen endlosen Weg vor sich hat und weiß, dass er
unterwegs zusammenbrechen wird, stöhnt und taumelt der Wind.
    Da fällt mir ein Brief Hyperions ein, den er schließt:
    »Ja, vergiss nur, dass es Menschen gibt, darbendes, angefochtenes, tausendfach
geärgertes Herz! und kehre wieder dahin, wo du ausgingst, in die Arme der Natur,
der wandellosen, stillen und schönen.«
    Falsch! Falsch! Nicht die Natur ist wandellos, still und schön, sondern nur
dein Ideal - vielleicht ein krankhaftes - von dir selbst! Und da du es nicht
verwirklichen kannst, gibst du der »Natur« diese Epiteta. O, die lässt sich
viele Namen geben. Aber nur die Enttäuschten und Schwachen, die Ausgestossenen
und Erfolglosen und Leidenden, insgesamt die, welche über ihre Komplizierteit
nicht Herr werden, »flüchten in die Natur« und hängen ihr jenes Lügenmäntelchen
um, jenes unerreichbare Ideal und beten es an. Aber in ihrer Ratlosigkeit und
Flucht vor sich selbst beten sie sich selber an und lieben ihren Feind in sich,
den sie nicht bewältigen konnten; sie jagen nach einem Phantom, das sie für
unerreichbar halten, und sind es im Grunde doch selbst - die Schlange, die sich
in den Schwanz beißt und wahnsinnig an zu kreisen fängt. - Denn die Natur selbst
ist grausam und unerbittlich, sie ist weder unwandelbar noch schön, sie ist
garnicht für uns erreichbar, uns ewig fremd, höchstens - als Bild! - ein Haufe
sinnlos rollender Atome. Wir sind's, wir, die ihr Glanz und bunte Masken geben.
    Und was ist's mit uns, die wir in jenem Flüchten eine Krankheit und ratlose
Narrheit erkannt haben, die wir wissen, dass wir nicht aus uns heraus können, mit
uns, deren jede Sekunde, jeder Gedanke und jede Bewegung nichts ist, denn der
aufblitzende Brennpunkt zahlloser Kausalreihen, und besonders mit uns, die wir
uns dieses allen stündlich bewusst sind und nicht mehr zurück können zu dem
unbewussten harmonischen Triebleben des Tiers und glückhaften Philisters?
    Zwei Wege haben wir, uns aus der schwarzen Trostlosigkeit jener Erkenntnis
zu retten: entweder wir streben danach, die eherne Unerbittlichkeit zu lieben,
und können uns nicht Genüge tun, ihr überall, ihren feinsten und allerfeinsten
Fäden nachzuspüren, oder wir sehen von ihr fort und ergeben uns dem Rausch.
    Nicht jenem dionysischen Rausch, der sich austobt in hyperbolischer
Bejahung, in ewiger Vernichtung und ewigem Wiederschaffen des Gewordenen - er
ist triebhaft und unbewusst -, sondern dem bewussten Wegsehen und inbrünstigen
Untertauchen in Mitleid, Musik und Liebe.
    Aber das ist ein Symptom von Müdigkeit, Überkomplizierteit und
Totgeweihtsein - ist Abendröte.
    O diese mürrische trostlose Nacht! O
