
Komplizierteit und Gefährlichkeit nur ein?
    Der Nebel liegt draußen, wochenlang liegt er schon da und begräbt mich hier.
Es ist, als ob die Welt stille steht - wo ist sie noch? Leise tropft es vom
Dach, es ist, als ob die Welt weint - warum weint sie noch? über den Sommer, der
nie, nie wiederkehrt? - Es tröpfelt nicht mehr, die Welt trocknet ihre Tränen.
Ein Hauch tut sich auf - hofft die Welt? hoffst du, mein Herz? Aber ich wollte
von meinem Lagerleben schreiben, von meinen vollkommenen Tagen, und blättere in
vergilbenden Briefen. Ich fürchte, ich werde in ihnen blättern, bis du - oder
wird es dein knöcherner Bruder sein? - sie mir selber aus der Hand nimmst.
    Aber weswegen blättre ich in ihnen? weswegen bohre ich in meiner Wunde? -
    Ist die Welt Kraft, dann konstatiere ich in mir eine sinnlose Vergeudung von
Kraft. - Wie denn: sinnlos? Vergeudung? Ist die Welt auch Kraft, so hat sie
deswegen noch kein Ziel und keinen zu messenden Zweck. Denn legst du, das
bedenke doch, an dein Mückendasein überhaupt ein Werturteil, so gilt dieses
zugleich dem Universum, das dich hochhob wie der Ozean ein Schaumgekräusel. Und
traust du dich, diesen Ozean, von dem du nichts kennst als seine Mechanik, zu
bewerten? Der Teil will über das Ganze ein Urteil fällen? Wenn es umgekehrt
wäre, das Ganze über den Teil! Und auch dann müsste es erst mit dir einen
bestimmten Zweck verfolgen, nach dessen Nützlichkeit für sich selbst es dich
bewerten könnte; und glaubst du denn - - Oder wolltest du damit sagen, dass die
Kräfte, die sich in dir ein kurzes Stelldichein geben, stärker sind als dein sie
betrachtendes und bewertendes Ich? so dass du sie dir nicht einfügen und genießen
kannst und sie darum als Vergeudung betrachtest? Soll das heißen: die, welche du
liebst, ist deiner nicht wert? soll das heißen: du bist ein Narr mit deiner
Liebe? soll das heißen: wirf dich wieder hoch und siehe ein, dass du einen
Missgriff tatest, da du deinen Wacholdern untreu wurdest und mit deiner Liebe zu
den Menschen gingest? - Ich glaube, das heißt alles nichts anders, als dass ich
kleiner war als mein Glück - und deshalb verließ es mich.
    Es ist der zwölfte Dezember und von frohen Tagen wollte ich schreiben und
glaube, wieder einmal konstatieren zu dürfen, dass das Normale das Umsonst und
das Leiden und nicht der Erfolg und die Abwesenheit des Leidens ist; oder
dunkler gesagt: dass das Normale das Kleiner-Sein des Ichs als es selber ist. Das
ist das Leiden und der Zwiespalt unserer Zeit
