 nehmen, endet tragisch. Auch der glücklichste Erfolg ist die Ursache neuer
Anstrengungen und neuer Konflikte und damit weniger wert als der abschliessende
Misserfolg. Denn nun hetzt er uns von Stufe zu Stufe, von Klippe zu Klippe und
wir verlieren darüber das Glück der Ruhe, das Veilchenglück der anima
vegetativa. Wir sind blind über blumige Wiesen gerannt, sind höher und höher
gestiegen und glaubten, in diesem Höhersteigen läge unser Glück, bis rings um
uns der Abgrund gähnt: hier ist das Dunkel und Nichts und die Blumen und Wiesen
sind weit, o du Narr, qu'as-tu fait de ta jeunesse?
    Denn die Tragik liegt nicht in der Vernichtung einer wertvollen Kraft durch
das Schicksal. Dann wäre die Zertrümmerung der Erde durch einen anderen Stern,
da sie doch so viel wertvolle Kraft birgt, tragisch. Tragisch wäre es, wenn ihre
Menschheit nach einem jenseits der Erde liegenden blauen Ziel strebte und, wenn
sie es erreicht, seine Nichtigkeit und die Unmöglichkeit der Rückkehr einsähe.
So war der Weg eines großen Teiles der Menschheit zwei Jahrtausende hindurch
nach den Idealen des Christentums tragisch; jetzt haben wir die Katastrophe,
jetzt sehen wir die wesenlose Nichtigkeit unserer Ziele und stehen nun da in
schauerlicher Ratlosigkeit und können mit allen Mühen und Künsten und Schlichen
nicht zurück zu dem festen beglückenden Grund der damals so schmählich
verlassenen Erde. - Tragik liegt in der Vergeudung einer wertvollen Kraft.
    Krokos und chinesische Primeln blühen unten im Vorgarten, die Schneebeeren
und Flieder und greifbar nahe die Ulmen vor meinem Fenster beginnen zu knospen,
eine einsame Wolke schwimmt durch den Himmel; sie ist nicht und ist doch, sie
fällt und schwindet stetig und hat doch Form und Gestalt. Und ich werfe meine
Worte über das Rätseltiefe, Worte, die so schnell verfliegen und doch dauernder
sind als das, was sie umhüllen, und doch wieder nichts. Und der Rätsel
allergrösstes, der Ort wo sogar die Kausalität einen Sprung zu machen scheint,
ist das was sich Liebe nennt - o du Seelenschenker! - und des Lebens
Allerschönstes ist der Schlaf.
    Von schlaflosen Nächten und Frühlingsluft bin ich müde geworden und das
sammetweiche Gefühl, geliebt zu sein, schläfert mich ein.
    Eine Spanne Zeitlosigkeit, während der die Welt stille stand und doch nicht
stille stand - - da tappen wieder leise leise Schritte auf der läuferbelegten
Treppe: meines Putzers dröhnende Kommissstiefel höre ich nie, aber ihre winzigen
Lackstiefelchen wecken mich aus dem tiefsten Schlaf. -
    Sie öffnet ohne anzuklopfen die Tür, schließt sie bedächtig indem sie mir
den Rücken zukehrt, wendet sich müde wieder um und bleibt nun in halb trotziger,
halb verlegener Haltung stehen. Ich liege auf dem Sopha und beobachte ihr
Gesicht, auf dem sich Scham und Schmerz mit einer kindlichen Hilflosigkeit
