
        
                                  Gustav Sack
                                 Ein Namenloser
                                     Roman
                                  Der Namenlose
Tote sind es, deren Gestalten diese Blätter heraufbeschwören, denn auch die
blonde Klaire ist seit mehreren Jahren tot ...
    Dem »verbummelten Studenten«, der den Namen meines Mannes bekannt gemacht
hat, folgt heute der »Namenlose«. Es ist der zweite und letzte abgeschlossene
Roman, den er uns hinterlassen hat, denn der dritte, »Paralyse«, ist Bruchstück
geblieben.
    Der »Namenlose« steht erkenntnisteoretisch zwischen dem in der Philosophie
scheiternden »Studenten« und dem »freien Menschen« der »Paralyse«. Von ihm sagt
Sack selbst, als er gelegentlich die Entwicklungslinie seiner großen Arbeiten
skizziert:
        Der Namenlose. - Der Götterglaube ist völlig überwunden; um aber im
        Relativismus und Positivismus bestehen zu können, Stütze und Verbindung
        mit dem Innersten der Natur durch geschlechtliche Liebe.
    Dieser schonungslos ehrliche Bericht einer sinnlichen Leidenschaft wäre,
viel eher noch als Loos und Erichs Verbindung im »Studenten«, eine »dumme
Liebesgeschichte«, die allenfalls durch einen krankhaften Paroxismus der
erotischen Gefühle sich auszeichnete, wenn nicht das Denken die an sich kleinen
Begebenheiten mit unerbittlicher Schärfe durchsetzte und zersetzte. Es sind, wie
immer bei Sack, die Ereignisse im Gehirn, die den eigentlichen Gang der Handlung
bilden, aus dem an sich leicht trivialen Stoff tragische Kraftvergeudung und
Untergang gestaltend.
    Sack schrieb den »Namenlosen« in Schermbeck, seinem Heimatort. Unmittelbar
nach Beendigung des Dienstjahrs in Rostock, dessen photographisch getreue
Wiedergabe der Roman ist, wurde mit den Vorarbeiten begonnen. Von diesen
abgesehen, erfolgte die erste gültige Kladdeniederschrift in dem erstaunlich
kurzen Zeitraum vom 5. Dezember 1912 bis zum 17. Januar 1913. Sacks damalige
ungeheure innere und äußere Verlassenheit zeigt die Bemerkung, mit der er mir
dann das Manuskript, das zunächst den Titel »Mein Sommer 1912« getragen hatte,
übersandte: dass er auf der Welt niemanden wisse, dem er es lieber schicke als
mir. Wir hatten zu jener Zeit erst wenige Briefe gewechselt und uns noch nicht
gesehen.
    Nach der Rücksendung erfolgte sofort die letzte Überarbeitung und
Reinschrift, die durchwegs formale Änderungen brachte. Bedeutungsvoll war die
Einschaltung der umfangreichen Diskussion der Kameraden auf dem Schiessplatz. Sie
ist eine temperamentvolle Auseinandersetzung mit den in Hans W. Fischers
»Dreissigjährigem« aufgestellten Theorien. Das Buch war ihm inzwischen durch mich
geschickt worden.
    Im Frühjahr 1913 war der »Namenlose« druckfertig, in der heute vorliegenden
Fassung. Niemand wollte ihn drucken. Es musste 1919 werden, ohne Sack, bis er den
Weg in die Öffentlichkeit fand. Nun stellt er sich neben seinen älteren Bruder,
den vielgenannten verbummelten Studenten, um mit ihm für den großen Toten zu
zeugen, bis auch die übrigen Werke erscheinen und das ernste Bild vollenden
werden.
