 das Streben in der Kunst notwendig einem Narrentum gleichen?
Gewiss. Sie gaben es alle einmütig zur Antwort, denn, sagten sie, jede andere Art
von Betätigung ist nicht weniger närrisch. Sie hatten recht, denn Justitia
selbst war im Narrenhaus geboren.
    Susanne prüfte denn auch wirklich, ob der Taifun eigentlich überhaupt das
Närrischste war. Sie wahrte sich ihre Unabhängigkeit von der Leitung mit großem
Geschick. Es war ihr bald der Gedanke gekommen, dass man im Taifun desto mehr
galt, je mehr man auch außerhalb seiner Sphäre an Geltung gewann.
    Ihr Weg nach Hause war darum selten der gerade. Erstaunlich blieb ihr, wie
unbehelligt eine Dame in Berlin leben konnte. Sie saß häufig an den scheinbar
exponiertesten Knotenpunkten des Verkehrs und glaubte, dass ihre erstaunten
weiten Augen persönliche Freunde gewinnen konnten. Aber bald begann es ihr vor
den unbekannten Massen zu grauen. Nicht ein einziges Menschenwesen war darunter,
das ihr gefallen hätte. War das Leben aller dieser blickenden und sprechenden
Fremden überhaupt etwas Tatsächliches? Wie mochten die Verhältnisse jenes Paares
sein, wo sie kaum zu gehen verstand, und er neben ihr einherstieg wie ein
Velozipedfahrer? Am liebsten hätte sie sich allen geschwind angehängt, hätte sie
ausgefragt, hätte sie auf kurze Minuten in ihrer Wohnung besucht. Leider war es
nicht möglich, denn sie hätte selbst dabei ungesehen sein müssen. Sie dachte,
wie schön eigentlich der Engelberuf sein musste, da allein konnte man seine
Wissbegier befriedigen. Ungefähr auch die Heiligen hatten eine schöne
Beschäftigung auf Erden, weil ihre Nasen bis in die Geheimfächer der Menschen
reichten. Sie wünschte, eine Heilige zu sein. Und schon saß neben ihr ein Mann
mit einem blau rasierten Gesicht, einem ganz zugeknöpften Rock und einem runden
schwarzen steifen Hut.
    »Finden Sie mich interessant?« frug sie ihn.
    Er bejahte. Er stelle es sich zur Aufgabe, die Sittenlehre rein zu
studieren, das heißt, nicht nach Berichten und Vorurteilen, sondern nach eigenem
Schauen und durch Experimentalphysik.
    Solche Geister führte Susanne natürlich an der Nase herum, indem sie vor
ihren Augen Erfindungen machte und sich den Anschein gab, nach Gewohnheit zu
handeln. Der blau Rasierte machte ein stoisches Gesicht zu allem, was sie ihm
vorexerzierte und tat wie ein Kenner. Es war doch der elendeste Schwindel; in
Extrapost gab es am wenigsten Sünde. Susanne merkte bald, dass die Sünde nur im
sogenannten spiessbürgerlichen Alltag zu Hause sein konnte, wo die Menschen
einander das treue Gefühl vorheuchelten und sich dabei von hinten und von vorne
betrogen.
    Sie verfiel oft in große Melancholie, weil man sie wie etwas Lichtscheues
ansah. Sie war gut. Aber der Schuster, der an der Krücke humpeln musste, das war
ein Teufelspriester. Er hinkte, da
