 Schönheit des Lebens und
den großen Lebensleistungen des Verblichenen überzeugt waren, ebenso wie alle
Teilnehmer an der riesenhaften Beerdigung. Und ihm, dem Redner, wurde obendrein
ein reiches Trinkgeld. Kommerzienrat Lehmann war ein König, diese Überzeugung
trug jeder vom Grabe mit nach Hause. Er hatte zwar einmal ein winziges Erlebnis
mit einer kleinen Sängerin erzeugt und trotzdem nicht verhindert, dass sie jetzt
als Star glänzte. Von solchen Dingen schwieg man, sie waren zu unmassstäblich.
Susanne galt solches Menschentum rein nichts, um so schändlicher empfand sie die
frivole Frechheit des ihre Kopulation später vollziehenden Beamten.
    Zwischen ihr und dem Doktor gab es dann einen Höllenauftritt. »Wer bist du
denn?« brüllte sie der Doktor an, der dadurch beweisen wollte, dass er
anständiger Leute Kind war. Er war der Sohn erster Ehe seiner Mutter mit einem
Sanitätsrat. Susanne stand sehr verdattert vor ihm, sie konnte mit nichts
auftischen. Dass sie eine Landhausbesitzerin wäre, wagte sie nicht zu erwidern.
Hatte sie wirklich ein dirnenhaftes Leben hinter sich? Wie der Doktor seine
speienden Worte auf sie niedertrommelte, kam sie sich selbst endlich sehr obskur
und gemein vor. Das schadete ihr, jetzt hätte sie mit einer protzigen Rede viel
mehr ausgerichtet. Der Doktor wurde immer wütender und wollte das Geheimnis
ihrer ganzen Vergangenheit aus ihr herauspressen. Sie schwieg aber wie ein
Opferlamm. Das dauernde Schweigen erschien ihm endlich als Trotz, und er musste
notgedrungen die Antwort auf seine Frage von der Zukunft erwarten. Wissen wollte
er, also blieb er auch so lange bei Susanne, bis er wusste.
    So kam es, dass er im Laufe der Tage die Weihe der ersten Liebe verscherzte.
Die größte Torheit des männlichen Geschlechts, das Weib außer leiblich auch
materiell kennen lernen zu wollen, brachte ihn um den Geruch der Blüte. Susanne
war die Vergangenheit ihrer selbst gänzlich gleichgültig. Allerdings machte es
ihr auch Schmerzen, gleichermassen vom Doktor dessen Vergangenheit zu erfahren.
Jedenfalls den Keil zischen beide hatte der Standesbeamte gesetzt, und ihr
gegenseitiger Eifer trieb ihn tiefer zwischen sie selber.
    Die Losung zweier Menschen, die den Lebensweg miteinander beginnen, »immer
vorwärts, nie rückwärts,« konnten sie höchstens zu spät erkennen.
    Aber dem Standesbeamten war die Pflicht heilig, denn er gab ihnen durch den
Zweifel den Stachel zur Zucht. Zucht war nun einmal in den Augen der Moralfexen
etwas Notwendiges. Jede Ehe zum Zuchthaus zu gestalten, war eine heilige
Aufgabe. Gottlob hatten die beiden eine stetige Vermittlerin in der Kunst. Kunst
allein machte Wahrheit aus dem höchsten Gebote »Liebe«. In der Verwirrung ihrer
Gewissen liefen sie in den Taifun.
    Dort beglückwünschte man sie.
    Es war eine kuriose Welt. Die Glückwünsche kamen, sobald sie mit sich selbst
unzufrieden
