 viele Bäume machen den Wald. Erst tausend Wälder machen
die Welt.«
    »Deine Welt ... die Baumwelt ...«
    »Und deine Welt ... die Menschenwelt? Besteht sie aus einem Menschen - aus
dir?« »Ich büsse. Ich flamme.«
    
    »Ganz ist die Sonne aufgegangen. Sieh: ich halte sie mit meinen Ästen. Bis
zur Dämmerung lasse ich sie nicht. Sie hängt an mir.«
    Bracke entbrannte:
    »Sonne - zurück zu ihr - den Weg noch im Hellen gemacht - früh genug noch
fallen die Schatten der Nacht auf den goldenen See. Ich eile - ich eile -«
Die Kurfürstin wurde, da ihr sonst nichts vorzuwerfen war, der Hexerei
beschuldigt.
    Sie habe, hieß es in den Anklageakten des revolutionären Volkskomitees, das
Berlin in seiner Gewalt hatte, mit ihren schönen, teuflischen Augen die Männer
verhext, so dass sie, ihrer Sinne nicht mehr mächtig, umhergetaumelt, ihre
eigenen Frauen als hässlich und unansehnlich verachtet und immer nur ihr Bild in
sich so hoffnungslos umhergetragen wie eine in einem eisernen Kasten
eingeschlossene Reliquie.
    In einem johlenden Volkshaufen, an dessen Spitze der Einsiedler vom Berge
mit seiner Eisenstange marschierte und der Konte Gaspuzzi mit einer großen
Trommel, voll Seligkeit, endlich ein Instrument zur Ausübung der Musik sich
überantwortet zu wissen - wurde die Kurfürstin, nur mit einem weißen Hemd
bekleidet, die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, auf einem Schinderkarren
zum Schafott geführt, das vor dem kurfürstlichen Palast errichtet war.
    Als sie nun niederkniete und der Henker sein Schwert hob - es war aber der
Henker aus Trebbin, mit dem Bracke so oft zusammengesessen und um Tod und Leben
gespielt hatte - und sie noch einmal ihre schönen Augen zu ihm emporrichtete und
sprach: »Schlag schnell, Henker!«, da ließ er sein Schwert fallen, kniete neben
ihr nieder, umarmte sie, löste die Fessel ihrer Hände, sprang auf und schrie
über das Volk hin, das zu murren begann:
    »Ich erkläre die Delinquentin zu meinem Weibe!«
    Das zischte wie ein Peitschenhieb über die Menge. Da schwoll ein Gemurmel
auf und ab, wie ein Fluss im Hochwasser durch die Wälder bricht.
    Das Volk aber wurde gezwungen, sein eigenes, jahrhundertealtes Recht zu
respektieren, danach eine Hexe vom Schafott frei und ihrer Bande ledig sei,
sobald ein Mann sich fände, der sie zur Ehe begehrte.
    Der Henker hob die Kurfürstin, die in Ohnmacht dahingesunken war, auf seine
Arme und trug sie, ohne seiner Last innezuwerden, durch das Volk, das ihm
Spalier bildete, zurück auf den Schinderkarren, setzte sich selbst darauf,
ergriff die Zügel, schnalzte mit der Zunge und fuhr mit ihr nach Trebbin.
    Bracke
