 allem. Ich will nicht mehr morden.«
    Bracke ließ die Kette klirren:
    »Und dennoch mordest du - lässt Mord geschehen, damit du einige Provinzen
mehr erpressen kannst und in einigen Provinzen mehr der Mensch vor deinem Bilde
in den Staub sinkt.«
    Der Kurfürst zog den Mund breit:
    »Ich schäme mich oft für die Menschen, wenn ich sie vor mir im Staube sehe.
Es ist unwürdig: für sie und mich. Warum tun sie es?«
    Bracke sprach:
    »Sie sind schwach wie du! Sie wissen von nichts. Sie glauben - an was? an
Geld, Geilheit, Seidenstoffe, Wein, Dirnen, Stockhiebe, an Kopfab, Kopfab, wie
du. Wenn sie in den Spiegel sehen, erkennen sie ihr eigenes Bild noch nicht ...
wie du.«
    Der Kurfürst dachte nach:
    »Es ist sonderbar - die Rebellen, den Einsiedler vom Berge, den wunderlichen
Konte Gaspuzzi, dich, überhaupt alle, die gegen mich sind, kann ich achten. Sie,
die mir nach dem Leben trachten, sind meine nächsten Verwandten, ja: fast
Freunde. Ich glaube manchmal, auch du, Bracke, bist ... mein Freund ... du
trägst nicht umsonst das Messer mit dem brandenburgischen Adler an deiner Seite
...«
    Der Kurfürst schluchzte lautlos.
    Bracke trat ans Fenster und sah einen Lindenbaum, von dem die Blüten zur
Erde stoben.
Missernte erzeugte eine Hungersnot.
    Nirgends war Korn zu haben oder zu unerschwinglichen Preisen. Das Vieh:
Kälber und Schweine, fielen in Krankheiten, die ihr Fleisch ungeniessbar machten.
    Selbst an den Tischen der Reichen aß man nur noch mit der Hand gepressten
Ziegenkäse und Früchte.
    Um die vorhandenen Lebensmittel zu rationieren, erliess der Kurfürst ein
Verbot, in den Schenken Gekochtes und Gebratenes, mit Ausnahme von Kohl und
Hülsenfrüchten, feilzuhalten. In den Volksküchen durfte am Tage nur ein Gericht
gegeben werden, und jeder Gast hatte nur Anspruch auf eine Portion.
    Der Luxus der kurfürstlichen Tafel aber ließ in keiner Weise nach. Dort
speiste man noch Schweinskopf mit Himbeersosse, Trüffel, gehackten Kalbsbraten,
ausländische Hühner und feines Weissbrot.
    Es erbitterte das Volk auf das höchste, als ein Getreideschiff aus Stettin
eintraf, das nur für die Hofhaltung bestimmt war.
    Die Menge bildete zähnefletschend Spalier, als vom Hafen die Getreidesäcke
auf Eseln in das Schloss wanderten.
    Als aber ein rebellischer Stallmeister von den kurfürstlichen Marställen
berichtete, die Pferde des Kurfürsten, besonders seine beiden Schimmel, die er
fast vergötterte, würden noch mit der feinsten Gerste und den erlesensten
Leckerbissen gefüttert -, da sammelten sich allerorten erregte Volkshaufen, die
sich zu Kolonnen zusammenrotteten und im Takt durch die Straßen marschierten,
während sie alle fünf
