 wir vertrauen und unsere Leiden als liebende Züchtigung, unser
Nicht-Wissen als vorsorgliche Huld zuschreiben könnten, an dem wir verzweifeln
und dem wir fluchen könnten, ohne eine Wahrheit, ohne ein Ideal, ohne Gut oder
Böse, Schön oder Hässlich, Sünde oder Tugend, ohne Liebe oder Hass, ohne
Verantwortlichkeit, Gehorsam, Pflicht oder Mitleid, ohne Gesetz oder
Willkürlichkeit, ohne Freund und Geliebte, Mensch, Staat, Familie und
Gesellschaft, Ding oder Tier - nur uns und unser Musarion und den skeptischen
Herrscherblick über die weite Welt; unsere sonnengewöhnten Augen, unsere
Flüchtigkeit und wüstenbraune Haut, unser Nicht-Tier, unsere lohende Lust und
grüner Ekel würde uns verraten in der alten und neuen Welt, Jeder könnte uns
fassen mit seiner schmutzigen Schacher-und stinkenden Alltagsfaust, uns aus
seiner verbrannten Kehle anpoltern und mit seinem nervlosen Jargon anhauchen:
    Da ist einer! Da ist einer vom Musarion! Ein Musarione! Haltet ihn! haltet
ihn! -
    Wohl wussten wir das, aber jetzt schwimmen die purpurn und goldnen
Morgenwolken gerade unter uns und lasse die Erde verschwinden, und wir selbst
sind nichts denn eine goldene schwebende Wolke - Freiheit! Freiheit! -
    Was weinst du, Loo? Wenn du weinen willst, gehe ich allein. -
    Gleich einem herbstverwehten Ampelopsisblatt liegen im Abendlicht die
gewaltigen Seebecken des Lorenzstromes da, wie wir über der steinigen Nordküste
des Huronsees stehen. Mit unsern Gläsern sehen wir hoch am südlichen Horizont
die Häusermeere Buffalos liegen und glauben als winzigen Silberfaden den
Niagarra stürzen zu sehen - da meldet Howald: um elfeinhalb treten wir zwischen
Sonne und Mond-, und wir bleiben über unserer unwirtlichen Küste hängen.
    Die Nacht ist wolkenlos und still, nur die Seen unter uns branden unhörbar
an den Gneisblöcken und Basalten. Hoch und mit seinen Tychostrahlen wie eine
geschälte silberne Nagarunga anmutend hängt der Mond über uns, nur der Orion und
der Bär sind bei seinem hellen Licht zu sehen. - Unsere Uhren zeigen halbzwölf,
da wird der Ostrand undeutlich und verschwimmend, ein flacher dunkler Einschnitt
frisst sich langsam ein, ein rostbrauner Kreisschatten saugt die silberne
Apfelsine in sich - langsam, geduldig, er hat Zeit -. Und wie eine Stunde
verflossen ist, ragt nur der westliche Rand wie eine schmale gleissende Kalotte
über den kleineren dunkelrostroten Körper. Hinter ihm flammen leuchtend die
Sternbilder in der dunklen Nacht auf, weissgrau und sternenleer ist der Himmel
vor ihm; das Auge beginnt zu flimmern, lange rückwärts gerichtete Strahlen
schießen von der halbmondförmigen Silberhaube aus - und jetzt strudelt und rennt
das dunkelrote weissköpfige Gebilde wie ein riesiger Algenschwärmer mit
scheitelständigem Wimperkranz durch die Welt. - -
    Aber im Süden hinter den Seen sind Wolken aufgequollen, ein Nachtwind treibt
sie unter uns her und wie zerwühlte Kissen,
