 Material, das ihm die Sinne gegeben, den Begriff der Form
gebildet, und das tätige schaffende Gefühl, das wir beim Anschauen dieser
erschaffenen Form in uns warm und tröstend leben fühlen? Wirkt also deswegen der
Sonnenuntergang auf die Menschen verschieden, weil die einen in sich etwas
Formendes und Empfindendes haben und die andern nicht?
    Und was tut der exakte Naturwissenschaftler? Er erklärt: er zerlegt den
»Abendhimmel« in Strahlengattungen, Brechungen, Absorptionen und physiologische
Farben - und die führt er zurück auf die Empfindlichkeit der durch die roten
Strahlen abgestumpften Netzhaut gegen deren komplementäre: mit Worten, Zahlen,
Zeit und Raum und Ursächlichkeit erklärt er alles und führt alles bis auf sie
zurück - beschreibt, so gut er kann, das Bild, das er sich von den Dingen macht,
machen muss, nennt's erklären und legt sich schlafen.
    So hat er ja immer sein Genügen, alles absolut so sein und sich abspielen zu
lassen, wie es der homo sapiens verstehen kann, alles auf ihn zurückzuführen,
durch ihn zu erklären; er strebt danach, in allem die Ordnung nach Raum und
Zeit und Kausalität, in allem die Daseinsweisen und Anschauungsformen des
Menschengeistes wiederzufinden, sodass als letzte abschliessende Frage die nach
der Beschaffenheit dieses Geistes bleibt - und die löst er dann im kecken
Zirkelschluss durch die schon nach dessen Denkgesetzen erklärten Aussendinge. Eine
schöne Wissenschaft, die mit dem Zirkelsymbol! Eure ganze Wissenschaft, mit der
ihr alles erklärt, erklärt nur euch selbst, und ist durch das Ergetzen, das
dieses Euch-überall-Wiederfinden und Euch-Beschreiben erregt, nur ein
verfeinertes und zugleich umfassenderes gewaltiges Gefühl!
    Und was sagt der Philosoph, wenn ich die Abendröte meine Schöpfung und mein
Eigentum nenne und zusehe, wie andere sich unsägliche Mühe geben, sich durch
sich zu erklären? Er nickt mir zu, mit einem melancholischen Lächeln, weist aber
schnell mit hochgezogenen Augenbrauen auf ein Unerklärbares hin, das allem
Anschein nach, schon weil diese Schöpfung zustande kam, dahinter steckt. Er
nennt es das Ding an sich, ich glaub's, gewiss - aber was soll das Großes sein?
Es ist Loo und ihr wilder Mund!
    Inzwischen war es dunkel geworden; da kleidete er sich wieder an und vergrub
sich in matematische Formeln, auf dass sie ihm Schlaf brächten. Und sie taten
es; fragten aber wenig nach seiner Hoffnung auf Rhythmus und Reim - sondern
rächten sich, indem sie ihm die Welt in nichts denn schwingende Atome zerlegten
und ihn durch die Ausrechnung ihrer verschiedenen Schwingungselastizität zur
Verzweiflung brachten.
Den gleichen Abend saß Loo im Turmzimmer ihres Vaters mit der Bestimmung von
Laubmoosen beschäftigt; sie betrachtete und zählte unter einem
Präparationsmikroskop die zierlichen Zähne, die das Peristom der Sporenkapsel
bilden,
