 ihrer Augen war gefährdet.
    Nach seiner Rückkehr versank er in ein wochenlanges, trübes Schweigen, und
ohne dass zwischen ihm und der Mutter ein Wort über die erlittene Enttäuschung
gewechselt wurde, wusste sie alles, was er erlebt hatte, und schonte ihn, indem
sie gleichfalls schwieg.
    Es bedrückten ihn die Erinnerungen, die das Haus in ihm erweckte. Vergessene
Bilder wurden lebendig, die Gestalt einer Hingemordeten huschte abends über die
Galerien, ihr Schatten schwebte ins Zimmer und schmiegte sich an ihn, während er
an seinem Schreibtisch saß.
    Vieles verband ihn noch mit ihr, deren Geist die Erde verlassen hatte, wenn
auch ihr Körper noch auf der Erde weilte.
    Er vermochte ihren sanften Blick nicht zu vergessen und die Schüchternheit
ihrer Hände nicht. Er kannte ihr Schicksal, er kannte ihre Seele; auch darüber
war er zum Schweigen verurteilt. Schaudernd zurückzuweichen vor der Berührung
der Welt, bis in die tiefste Einsamkeit, das war ihr Los gewesen, und es war
auch seines. Stets sah er sie vor sich, wie der Bruder sie geschildert, in der
Zelle sitzend und ihr gelbes Haar kämmend.
    Er machte niemand verantwortlich, er grollte niemand, er beklagte es nur,
dass die Menschen so waren, wie sie waren.
    Ein ehemaliger Studienkollege besuchte ihn und munterte ihn auf, an einer
großen wissenschaftlichen Arbeit teilzunehmen. Er verweigerte sich. Als er
wieder allein war, vergegenwärtigte er sich noch einmal das ganze Gespräch.
Trotz des freundlichen Drängens hatte er in dem Wesen des Mannes jene
rätselhafte, unterirdische Feindseligkeit verspürt, der er immer begegnete, wenn
er mit Personen des andern Glaubens und der andern Rasse nicht nur in
geschäftlicher und äusserlicher, sondern auch in einfach menschlicher Art zu
verkehren hatte. Das Geringste, was er zu fürchten hatte, war eine
vorurteilsvolle Fremdheit, als ob der Betreffende ihm zuriefe: ich hüben, du
drüben, auf die Brücke geh nicht.
    Es war ihm dies nur allzu wohlbekannt. Aber dagegen zu kämpfen verwehrte ihm
sein Stolz. Das natürliche Recht des Lebens, die allen zugestandene Freiheit des
Mit-dasein-Dürfens, die Teilnahme am notwendigen und förderlichen Wetteifer der
Kräfte erst erobern, vielleicht gar erbetteln, durch Argumente verteidigen,
durch Politik erlisten zu sollen, das ging wider die Vernunft und die
Billigkeit, darauf verzichtete er.
    Er verzichtete darauf, an einem Tor zu rütteln, das er zuletzt selbst
zugesperrt und verbarrikadiert hatte.
    Jedoch er litt darunter bis zu einem kaum mehr erträglichen Grad. Es war das
Unsinnige und Verlogene dieser Dinge, worunter er litt. Handelten sie so, weil
sie so stark im Glauben waren? Nein. Glaubte er an jene Unterschiede der Rasse,
welche sie glauben machten? Nein. Er fühlte sich heimatlich auf dem
