 Schwalbe, in der Nacht, wenn er an ein
schwarzes Fenster trat; er dachte an sie wie an einen allsehenden Geist, der in
den Lüften haust. Die Schwalbe, das war sinnvoll, die unruhige, zarte, schnelle
Schwalbe. Und er sah jene eine, die sich damals in fabelhaftem Bogen über den
Kirchenplatz geschwungen hatte, als Eberhard von Auffenberg gekommen war, um ihn
zu den verwelkten Blumen zu führen.
    Da schrieb er an Philippine: »Schmücke meine Gräber, kauf zwei Kränze und
leg sie auf die Gräber!«
    »Du musst zum Wolkengipfel hinan, sonst bist du verloren, Daniel,« lautete
eine Stelle in einem der Schwalbenbriefe; »sobald du um eine Einsamkeit weißt,
musst du in eine andere, ungewusste schlüpfen, sobald ein Weg sich dir bahnt, musst
du ins Dickicht stürmen, sobald ein Arm dich umschlingt, musst du dich losreißen,
und gibt's auch Blut und Tränen. Du musst über die Menschen hinaus, du darfst
kein Bürger sein, nichts Liebliches darf dir lieb werden, keinen Begleiter und
keine Begleiterin darfst du haben, kühl und still müssen die Zeiten um dich
schwingen, erzumschlossen bleibe dein Herz, denn die Musik ist eine Flamme, die
im Menschen, der sie gebiert, alles durchbricht und verzehrt, bloß nicht den
Stoff, den die Götter um den Auserwählten geschmiedet haben.«
    Wie hätte da nicht vollends das Bild der rotaarigen Jüdin entschwinden
sollen, vor der Daniel in Widerwillen geflohen war? Da war eine Muse, wie sie
von Dichtern erträumt wird. Jüdin, wunderbare Jüdin, dachte Daniel, und dieses
Wort, Jüdin, erhielt für ihn eine eigens Bedeutung von Gemütsgewalt und
prophetischem Flug.
    »Das Werk, Daniel Nothaft, das Werk,« schrieb diese zweite Rahel ein
anderes Mal, »der Prometeusraub, wann schenkst du ihn der verarmten Menschheit?
Die Zeit ist wie erdig schmeckender Wein, dein Werk muss Filter sein; sie ist wie
ein epileptischer Körper im Starrkrampf, dein Werk sei die heilende Hand, die
man ihm auf die Stirn legt. Wann endlich gibst du, Sparsamer, wann reifst du,
Baum, wann ergießt du dich, Strom?«
    Aber dem Baum eilte es nicht, die Früchte abzuwerfen; der Strom fand den Weg
lang bis zum Meer; er hatte Gebirge zu durchhöhlen und Felsen zu zerbrechen. O,
qualvolle Nächte, in denen bestehende Form wieder und immer wieder verfiel! O
hundert qualvolle Nächte, in denen kein Schlaf war, nur aufgeregtes Toben vieler
Stimmen! Trübe Morgen, wo die Sonne auf zerfetzte Blätter schien und auf ein
verstörtes Gesicht, ein Gesicht voll alter, immer neuer Leiden. Und Mondnächte,
wo einer singend dahinschweift, nicht fröhlich
