
begriffen hätte, dass die Wirkung zum Werk gehört wie die Wärme zum Feuer. Ein
Werk, das nicht zu den Menschen redet, ist so gut wie nicht geschaffen. Es sind
Lügner, die sich einbilden, sie könnten auf Anerkennung oder Erfolg verzichten.
Was ich gemacht habe, ist gar nicht mehr mein Eigentum; es strebt zur Welt und
ist ein Stück der Welt und ich muss es ihr geben, wohlgemerkt, falls es etwas
Lebendiges ist.«
    »Nun also, Daniel,« kam es erleichtert von Lenores Lippen.
    »Eben, da liegt der Hase im Pfeffer,« fuhr er unbeirrt fort, »um die
Lebendigkeit handelt's sich, um die wahre Wesenhaftigkeit. Wozu die Leute mit
dem Halbfertigen und Unausgereiften abspeisen? Sie haben sich mit zu vielem von
der Art zu plagen. Zu viele wollen, zu viele können heutzutage, aber es ist kein
Himmelszwang dabei, kein göttliches Muss. Mein Unvollkommenes würde meinem
Vollkommenen nur die Bahn sperren. Hat einen das Publikum mal verführt, dass man
sich am Halben genügt, dann wird das Ohr taub und die Seele blind, eh man's
recht weiß, und man ist dem Teufel verfallen. Der falsche Schritt ist schnell
getan, ein Zurück gibt's nicht, denn so zahllos wie die Möglichkeiten, so
einmalig ist die Tat, und so erspriesslich die Ermunterung von außen sein kann,
so mörderisch ist sie, wenn sie das Gewissen überlärmt. Was ich da in all den
Jahren verfertigt habe, es sind ja gute Sachen, aber es sind schließlich nur
Versuche zu dem Großen, was mir vorschwebt. Vielleicht schmeichl' ich mir mit
Trug und Traum, vielleicht überschätz ich meine Kraft, aber es steckt in mir
drinnen und muss an den Tag. Es wird sich ja dann zeigen, was für eine Kreatur es
ist. Dann hat das Dahintenstehen ein Ende, dann will ich mich schon rühren, dann
tret ich hinaus, dann will ich auch als der gelten, der ich bin. Darauf kannst
du dich verlassen.«
    Kaum jemals hatte Daniel so zu Lenore gesprochen. Als sie ihn anschaute, von
der Leidenschaft seiner Worte bezwungen und ihn dastehen sah, so furchtlos, so
ehern unerbittlich, hob ein Seufzer ihre Brust, und sie sagte: »Gebe Gott, dass
es gelingt und dass du's erlebst.«
    »Es ist alles Schicksal, Lenore,« entgegnete er.
    Er forderte und erhielt das Quartett zurück.
    Von da an unterdrückte Lenore jede Regung der Unzufriedenheit in sich. Sie
spürte, dass er Grausamkeit und Härte für das kleine Leben brauchte, um Geduld
und Liebe für das große zu bewahren.
    Ja, sie betete zur Vorsehung, dass sie
