 oben besuchte.
    Sie hatten sich am Abend in dem Wirtshaus auf der Schütt getroffen, dort
aber waren eines Fischessens halber mehr Gäste als sonst gewesen, der Lärm war
ihnen unbequem, und sie waren beizeiten aufgebrochen.
    Sie gingen schweigend bis zum Rataus, da sagte Eberhard: »Kommen Sie noch
auf eine Stunde zu mir.« Daniel nickte.
    In dem winzigen Stübchen zündete Eberhard die sechs Kerzen eines Leuchters
an. Daniels verwunderten Blick bemerkend, sagte er: »Mir ist nichts
widerwärtiger als Petroleum oder Gas. Das da ist Licht, das andere illuminierter
Gestank.«
    Eine Weile blieb es still. Daniel hatte sich aufs Kanapee gerekelt.
    »Illuminierter Gestank,« wiederholte er plötzlich mit befriedigtem
Auflachen; »nicht übel. Das ist eben die neue Zeit. Ich glaube, sie heißen's fin
de siècle. Nichts soll blühen mehr, alles wird fabriziert. Die Männer sind
Amerikaner, greuelhaft ernüchtert vom Erwerbsrausch, die Weiber verlieren den
edlen Eigensinn des Instinkts, die Städte sind zu ungeheuren Dampfmaschinen
geworden, alt und jung liegt vor den sogenannten Wundern der Technik auf dem
Bauch, als ob es für die Menschheit wirklich etwas zu bedeuten hätte, wenn
irgendein Faulenzer in Paris schon beim Frühstück erfährt, dass der Papst gut
geschlafen hat, oder wenn eine Gewehrkugel vierzehn Leute hintereinander
durchbohrt statt wie bisher sieben. Wer will da noch aus seiner innern Seele
schaffen? Es ist wie Wahnsinn und Unzucht.«
    »Doch, man kann aus seiner innern Seele schaffen,« sagte der Freiherr, in
dessen Gesicht der verdrossene Ausdruck einem angespannten wich, »man kann den
unsichtbaren Geist in die Sichtbarkeit bannen.«
    Daniel, der noch nicht ahnte, dass der Freiherr gewissermaßen aus einem ganz
andern Land und mit einer ganz andern Sprache redete, fuhr fort: »Aller Vorrat
von Anteil und Enthusiasmus, den die Nation zu vergeben hat, ist aufgezehrt.
    Die altehrwürdigen Werke bestehen in ihrer Gültigkeit, sie werden bestaunt
und gepriesen, zeugende und umbildende Kraft haben sie nicht mehr. Sonst gedeiht
nur der Hokuspokus, und wer ihm nicht vergibt, dem wird nicht vergeben. Das
Leben aber ist kurz, ich spür's an jedem Tag, und hegt man die Pflanze nicht, so
welkt sie hin.«
    »Es ist nicht nur Hokuspokus,« erwiderte Eberhard, der jetzt völlig
verwandelt war, jedoch auch seinerseits die schmerzliche Empörung des Musikers
nicht begriff; »sehen Sie, ich habe mit Menschen wenig verkehrt; meine Zuflucht
war das Reich der Abgeschiedenen, der unsichtbaren Geister, die in die
Erscheinung treten, wenn das gläubige Gemüt nach ihnen ruft. Meine Aufgabe war
es, mich zu entsinnlichen, zu entmaterialisieren, dann bekamen die Geister Stoff
und Gestalt.«
