 die eines
Dokumentes zuweisen kann.
    Er legt Zeugnis ab von einem Typus, und dies ist selten genug. Hans
Brandlberger war ein junger Mann vom Beginn des 20. Jahrhunderts, und er war
durchaus so, wie alle jungen Leute dieser alten Zeit. Ich erinnere mich seiner
persönlichen Erscheinung jetzt deutlich genug. Er war klein, schmal, aber
kompakt in den Schultern, und trug in dem länglichen, blassen Gesichte ein
ziemlich starkes Augenglas. Sein Haar war sehr blond und auf der linken Seite
gescheitelt. Über die rechte Wange lief ein zarter Mensurschmiss, und diese Narbe
gab ihm jenes Charakteristikum, nach dem man ihn einschätzte. Er schien ein
junger Durschnittsdeutscher zu sein. Diesen Eindruck jedoch straft die
Durchsicht seines Buches ein wenig Lügen. Er war mehr als einer jener jungen
deutschen Männer mit Überzeugungen, Mangel an Taschengeld und mehr oder weniger
Aussichten auf eine bürgerliche oder staatliche Laufbahn; er war aber auch
vielleicht weniger. Er war ein Grübler. Er war als der Typus des beginnenden 20.
Jahrhunderts vor dem großen Kriege ein Mann ohne eigentliche Begabung und ohne
Charakter, ja, kaum ein Mann von Geist - - wenn man unter Geist die harmonische
Mischung von Freiheit und Gebundenheit des Urteils versteht. Und um Geist zu
haben, war er zu frei und zuviel Wühltier. Aber er besaß die gewisse geistige
Energie, die dieses Jahrhundert in seinem Beginne auszeichnete. Er war tief - -
das heißt kleinlich, bei starkem, etischem Interesse amoralisch und in mehr als
einem Sinne liberal. Er war stets ein wenig böse und gereizt gegen sich. Er war
analytisch.
    Um sich einen Halt gegen seine Fehler zu schaffen, war er ehrlich. Es ist
vielleicht die gewöhnlichste und heute nicht mehr verzeihlichste Art, seine
Schwäche zu beschönigen. Und schon, glaube ich sagen zu dürfen, ahnte er dies.
Sein Verhältnis zu Jack Slim, dem Amerikaner, wurde ihm zum Problem. Er geriet
so außerordentlich unter den Einfluss dieses Mannes, arbeitete sich so gründlich
an dieser ihm ganz entgegengesetzten und darum seiner Sehnsucht kaum fremden
Natur zu einer Art Nachfolgerschaft durch, dass es beinahe scheinen möchte, als
sei sie eine freie Erfindung seines spekulativen Dranges, seines heftig
monologisierenden Innenlebens. Ja, ich würde, von der Lektüre seines
Manuskriptes scharf, argwöhnisch und kombinationslustig gemacht, nicht anstehen,
eine solche Behauptung einfach aufzustellen und aus gewissen Stellen zu belegen,
wenn nicht Jack Slim eine historische Figur gewesen wäre, von der die meisten
unter uns erfahren und sich ein Urteil gebildet haben.
    Man weiß ja, wer Jack Slim war; der seltsamste Mensch vielleicht, der seit
Kagliostro Europa zum Aufhorchen oder Lächeln veranlasst hat. Er war berüchtigt
durch seine politische Exzentrizität, seine unmöglichen Prophezeiungen über die
Entwicklung des menschlichen Geschlechtes
