 stimmten ihn nicht mehr
lyrisch. Er hielt an sich und unterdrückte jedes sentimentale Adiö. Vielleicht
schwärmte er seit neuem für Knaben in jenem Alter, das die Zartheit des
Fleisches bereits mit Kraft vereint.
    Von den übrigen Indianern haben wir nichts mehr gehört noch gesehen.
Vielleicht waren sie tot, vielleicht hatten sie sich untereinander aufgespeist,
vielleicht lauerten sie sich in diesem Augenblicke erst irgendwo auf, um nur das
nackte Leben zu retten. Ich muss sagen, dieser Urbetrieb der Menschenjagd, der
zuletzt unter dem Zwange des Hungers ausbrach, ist das einzige, dem ich keine
gute Erinnerung bewahre. Ich bin für die raffiniertere und seelischere Art, wie
man sie in dem Verkehr zwischen mir und meinen Reisekameraden hat bemerken
können. Die Metoden, einander zu tranchieren, haben sich verfeinert und das ist
gut so. Wir treiben in den Kaffeehäusern Analyse über den Nächsten wie über uns
selbst. Es macht alle Kultur aus und unsere Werkzeuge sind in dieser Beziehung
hochentwickelt. Ich hoffe es bewiesen zu haben. Der Mensch der Zukunft verfügt
über eigentümliche Kräfte, um in das Leben seiner Mitmenschen einzugreifen. Es
ist das eine der Lehren, die ich aus dieser Reise gezogen habe.
    Über Slims Tod weiß ich nichts zu sagen. Er ertrank, das ist die ganze
Geschichte seines Endes. Seltsam und tragisch genug bleibt es, denn ich weiß,
dass er unter den wenigen war, die den Niagara-Fall überschwommen haben. Es ist
die Tragikomödie alles Großen. Aber Slim hat dennoch nicht umsonst gelebt, denn
nun habe ich alle seine Ideen geerbt, ich werde meine schwachen Kräfte
verwenden, um ihnen zur Blüte zu verhelfen und ich will Sorge tragen, dass mit
meinem Tode diese Richtung nicht erlischt. Darum habe ich ja dieses Buch
geschrieben, nicht aus Eitelkeit, noch um mich für sie zu strafen, noch um mich
im Glanz von Abenteuern zu zeigen, sondern um die Kleinheit und Kleinlichkeit
des Menschen an seinen Möglichkeiten zu messen und doch dieser froh zu werden.
    Auch über den Tod van den Dusens ist mir nichts Zuverlässiges bekannt. Aber
hier habe ich so meine Vermutungen. Ich selbst habe während der Anfälle von
Tropenkoller, die sich in der letzten Zeit meines Aufenthaltes in dem sicherlich
nicht ganz gesunden Flusslager immer heftiger einstellten, ein Stadium kennen
gelernt, in dem die Urtriebe des Menschen, Hunger und Liebe, bis zu einem
gewissen Grade sich als identisch einstellten. Meine gesteigerte Nervosität
mobilisierte alles, was an Uranlagen in mir vorhanden sein mochte. Sie warf
Hemmungen um, die Jahrtausende von Kultur aufgerichtet und an der
dreissiggliederigen Generationskette verankert hatten. Mein Zustand, dessen
spezifische Verwischung der Grenzen zwischen traumhafter Wirklichkeit und
wirklichkeitsartiger Vision meiner Vernunft wohl bewusst, meinem Willen aber
unbotmässig war, hat mich bei
