 durch Erlöschen der Erinnerung - manchmal nur
durch eine plötzliche innere Umkehr.
    Bei mir war es so, dass ich scheinbar ohne äußere Ursache in meinem 21. Jahr
eines Morgens wie verändert erwachte. Was mir bis dahin lieb gewesen, erschien
mir mit einemmal gleichgültig: Das Leben kam mir dumm vor wie eine
Indianergeschichte und verlor an Wirklichkeit; die Träume wurden zu Gewissheit -
zu apodiktischer, beweiskräftiger Gewissheit, verstehen Sie wohl: zu
beweiskräftiger, realer Gewissheit, und das Leben des Tages wurde zum Traum.
    Alle Menschen könnten das, wenn sie den Schlüssel hätten. Und der Schlüssel
liegt einzig und allein darin, dass man sich seiner Ichgestalt, sozusagen seiner
Haut, im Schlaf bewusst wird, - die schmale Ritze findet, durch die sich das
Bewusstsein zwängt zwischen Wachsein und Tiefschlaf.
    Darum sagte ich vorhin: ich wandere und nicht: ich träume.
    Das Ringen nach der Unsterblichkeit ist ein Kampf um das Zepter gegen die
uns innewohnenden Klänge und Gespenster; und das Warten auf das Königwerden des
eigenen Ichs ist das Warten auf den Messias.
    Der schemenhafte Habal Garmin, den Sie gesehen haben, der Hauch der Knochen
der Kabbala, das war der König. Wenn er gekrönt sein wird, - dann reißt der
Strick entzwei, mit dem Sie durch die äußeren Sinne und den Schornstein des
Verstandes an die Welt gebunden sind.
    Wieso es kommen konnte, dass ich trotz meinem Losgetrenntsein vom Leben über
Nacht zum Lustmörder werden konnte, fragen Sie mich? Der Mensch ist wie ein
Glasrohr, durch das bunte Kugeln laufen: bei fast allen im Leben nur die eine.
Ist die Kugel rot, heißt der Mensch: schlecht. Ist sie gelb, dann ist der
Mensch: gut. Laufen zwei hintereinander - eine rote und eine gelbe, dann hat man
einen ungefestigten Charakter. Wir von der Schlange Gebissenen, machen in einem
Leben durch, was sonst an der ganzen Rasse in einem Weltenalter geschieht: die
farbigen Kugeln rasen hintereinander her durch das Glasrohr, und wenn sie zu
Ende sind - - dann sind wir Propheten, - sind die Spiegel Gottes geworden.«
    Laponder schwieg.
    Lange konnte ich kein Wort sprechen. Seine Rede hatte mich fast betäubt.
    »Weshalb fragten Sie mich vorhin so ängstlich nach meinen Erlebnissen, wo
Sie doch so viel, viel höher stehen als ich?«, fing ich endlich wieder an.
    »Sie irren,« sagte Laponder, »ich stehe weit unter Ihnen. - Ich fragte Sie,
weil ich fühlte, dass Sie den Schlüssel besitzen, der mir noch fehlte.«
    »Ich? Einen Schlüssel? O Gott!«
    »Jawohl Sie! Und Sie haben ihn mir gegeben. - Ich glaube nicht, dass es einen
glücklicheren
