 weiche Formen verratend, um die Blumen am Bach zu
erreichen. Und einmal sah er auch hinter Büschen versteckt ihre Augen, in
Träumen verloren, ihren Mund in Erinnerung lächelnd. Galten Träume und
Erinnerungen wohl immer noch ihm, dem Ungetreuen?
    Es hielt ihn nicht länger. »Fräulein Else,« sagte er leise.
    »Konrad - Sie?!« und ein heller Schein flog über ihre Züge. Wäre sie nicht
vor mir erschrocken, wenn sie an Pawlowitsch gedacht haben würde? fuhr es ihm
befreiend durch den Sinn.
    Sie gingen nun oft miteinander, ganz offen, vor den Augen der Tanten. Ihm
war, als wäre sie jetzt erst angekommen. Zu ihm. Von der Vergangenheit sprach
keiner von den beiden.
    Auf ihren gemeinsamen Wanderungen, die sie mit eigensinniger Beharrlichkeit
über die Grenzen des Gutsbezirks nicht ausdehnen wollte, wurde sie mehr und mehr
die Führende, weil sie die Unterrichtete war. Besser als er kannte sie Weg und
Steg, hatte sich mit offenen Sinnen und liebevollem Eingehen in die
Eigentümlichkeiten der Natur, in die Bedingungen und Forderungen des Grund und
Bodens, in das Leben und Treiben der dünn gesäten Bevölkerung versenkt, und mit
einem aus Scham und Staunen gemischten Gefühl lernte er durch sie die Heimat
kennen, die ihm vor lauter gewohnheitsmässig gleichgültigem Anschauen im Grunde
die Fremde gewesen war. In ihrem Eifer und ihrer Entdeckerfreude bemerkte sie
zunächst wenig davon, nur manchmal entfuhr ihr ein Ausruf komischen Entsetzens,
wenn er ihr über den eigenen Besitz und seine Bewohner so gar keine Auskunft zu
geben vermochte.
    »Sie gehen wie ein Gast im eigenen Hause umher,« sagte sie bei einer solchen
Gelegenheit. »Der größte Teil der Menschheit krankt daran, dass er entwurzelt
ist, dass seinem Lebensatem die natürliche Nahrungsquelle fehlt, und Sie besitzen
dieses unschätzbare Gut und wissen es nicht.«
    »Sie vergessen: ich hatte nie ein ungeteiltes Heimatsgefühl. Im Lande meiner
Mutter lebte stets meine Phantasie; dorthin führte mich meine Sehnsucht,«
entgegnete er. Erst jetzt war ihm, was er sagte, zu vollem Bewusstsein gekommen.
Den Spuren der Großmutter, ihrer Tatkraft, ihrem Ordnungssinn, begegnete er in
Haus und Dorf, in Wald und Feld; aber ihm wehte dabei etwas Kühles,
Unpersönliches entgegen. Und Else, die mehr und mehr auch sein Schweigen
verstand, meinte: »Wie eine fremde Königin ist sie, die das Reich treulich
verwaltet, ohne sich ihm jemals zu eigen zu geben. Und doch,« fügte sie nach
einer kleinen nachdenklichen Pause hinzu, »müsste es Seligkeit sein, sich mit den
jungen Buchen dort um die Wette - tief in diesen Boden zu senken!«
    Konrads Auge begegnete dem aufleuchtenden Blick, den sie zu ihm erhob.
