 Wirklichkeiten von heute wurden,« warf Konrad ein.
    »Unsinn, Unsinn -« wehrte Pawlowitsch ab, »haben wir vielleicht den
Sozialismus?«
    »Nein. Aber wir machten, scheint mir, viele Schritte in seiner Richtung und
sehen mehr und mehr, dass der Weg nicht nur gangbar, sondern notwendig ist.«
    Pawlowitsch trommelte mit den Fingern auf dem Tisch.
    »Die Bourgeoissöhnchen waren also nur gerade kräftig genug, sich für eine
Idee zu begeistern, um das Proletariat jetzt, wo es zähe Arbeit, gänzlich
unromantische Anstrengung gilt, im Stich zu lassen?«
    »Verzeihen Sie,« antwortete Konrad sehr ruhig dem Erregten, »es handelt sich
doch wohl um zwei verschiedene Generationen, von denen Sie sprechen. Die eine -
die Ihre! - ist, so kommt es mir vor, gerade diejenige, die den Rausch der
Jugend überwunden hat und jetzt nüchtern für all jene Einzelziele kämpft - deren
Notwendigkeit ich gar nicht bestreiten will - für die Sie uns, die neue Jugend,
aber um so weniger begeistern können, als - Sie müssen auch diese Offenheit
entschuldigen! - Sie selbst nicht mehr begeistert sind.« Pawlowitsch biss sich
heftig auf die Lippen und warf ihm unter gerunzelter Stirn einen bösen Blick zu.
»Für Sie«, fügte Konrad, der ihn ruhig auffing, hinzu, »ist doch das alles nur
noch ein Rechenexempel -«
    »Und das letzte Ziel: die Aufhebung der Klassenherrschaft, die
Sozialisierung der Welt?« frug Pawlowitsch, mechanisch in dem Glase löffelnd,
das vor ihm stand.
    Konrad zögerte mit der Antwort: »Deren Voraussetzung die Diktatur des
Proletariats sein soll - nicht wahr?« Pawlowitsch nickte spottend: »Haben Sie
vielleicht dagegen etwas einzuwenden?«
    »Ja,« entgegnete Konrad bestimmt.
    »Wie?!« rief Else mit einem Ungestüm einfallend, das ihrem Interesse bei
diesen Fragen gar nicht zu entsprechen schien, und einem ängstlich flehenden Zug
um den Mund, den Konrad nicht verstand. »Wie?! Sie könnten den Glauben von
Millionen zerstören wollen?« Und ihre Augen suchten die des Russen, der
hartnäckig in den Schoss sah.
    »Wer ihn wirklich besitzt, dem wird er durch einen jungen Menschen, der kaum
die Nase in die Welt gesteckt hat, auch nicht zerstört werden können,« meinte
Konrad, »ich aber hab' ihn nicht - leider! - ich kann seine Verwirklichung nicht
einmal für wünschenswert halten. Vielleicht - vielleicht wäre sogar -« zwischen
jedem Wort entstand eine Pause, und seine Augen richteten sich aufwärts, glitten
wie suchend über die Köpfe der Menschen hinweg in die Ferne - »der Kampf dagegen
ein - Ziel, wenn man dabei zugleich für etwas kämpfen könnte
