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    Ein paar Arbeiter, die dem Vortrag beigewohnt hatten, traten, von der
lebhaften Unterhaltung angezogen, hinzu; man rückte zusammen, und sie setzten
sich.
    »Ganz richtig, ganz richtig,« nickte der eine, ein älterer Mann mit harten
Fäusten und verwitterten Zügen, »Kunst und Dichtung sind für uns Mittel der
Zerstreuung, Genüsse für die Feierstunden statt der Kneipe oder der blöden Witze
der Possenreisser. Es ziemen uns nicht mehr die Laster der Unterdrückten, noch
die müßigen Zerstreuungen der Gedankenlosen, sagt schon Lassalle.« Er hatte
langsam und dozierend gesprochen, ohne Wärme. Konrad wandte sich ihm zu.
    »Grade von diesem Gesichtspunkt aus: dass Sammlung statt Zerstreuung,
Anregung statt Einlullung des Geistes notwendig ist,« sagte er, »dürften Ihnen
Dichter wie Hölderlin nicht vorenthalten werden. Eine Erhebung der Seele, eine
Bereicherung des Gemüts geht von ihnen aus -«
    »Bleiben Sie uns doch mit dem Gemüt vom Leibe,« warf Pawlowitsch heftig ein,
»diesem Alpdruck des Deutschtums, der auf allem lastet, was sich aus Schlaf und
Traum befreien will! Gemüt! - Die Fessel am Fuß, an der ihr die Traditionen und
Sitten der Vergangenheit mit euch schleppt. Gemüt! - das euch an Scholle und
Familie, an Kirche und Krone kettet! Wissen Sie nun, warum ich die Romantiker
ablehne, ablehnen muss? All unsere Bildungsarbeit wird durch die Erfordernisse
des Klassenkampfs bestimmt. Was ihn schwächen kann, darf keine Rolle spielen.«
    Wieder nickte der Arbeiter. »Nur solche Wissensgebiete sind für uns von
Bedeutung, die uns unsere Stellung im Klassenkampf besser erkennen lehren, uns
für ihn fähiger machen,« dozierte er.
    »Aber Wissen und Kunst sind doch zweierlei, haben im Grunde gar nichts
miteinander zu tun,« sagte Konrad lebhaft, wobei er sich bittend nach Warburg
und Else Gerstenbergk umsah, die bisher geschwiegen hatten. Beide lächelten ihn
auch jetzt nur wortlos an, der eine in seiner versonnenen Art, die andere mit
einem leisen Kopfneigen, wie dem der Zustimmung.
    »Ich verstehe den Herrn nicht,« mischte sich jetzt der jüngere Arbeiter ins
Gespräch, ein blasser, schmalbrüstiger Mensch mit zusammengekniffenen Lippen.
»Was ist uns heute zum Beispiel anderes vermittelt worden als Wissen; und was
will der Herr anders, als dass wir auch von den Dichtern, die er liebt, etwas
erfahren, also noch mehr wissen sollen?«
    Konrad blieb die Antwort schuldig. Er sah eine Kluft vor sich aufgerissen,
viel breiter und tiefer, als die, welche er als zwischen den Klassen bestehend
angenommen hatte. War sie wirklich nur ein Abgrund zwischen zwei Bergen
derselben Erde, oder der Weltraum zwischen zwei Sternen?
    Die Freunde verabschiedeten sich. Es
