 Fahnenjunker aufzunehmen!
Unglaublich, unglaublich!«
    »Meine Beweggründe«, antwortete Konrad mit kühler Ruhe, »wirst du ja wohl
nicht ganz zu würdigen wissen, ich will sie aber trotzdem rückhaltlos
aussprechen. Die Infanterie wählte ich, weil sie, wie mir Sachverständige
sagten, diejenige Waffe ist, an die der Krieg aller Voraussicht nach die größten
Anforderungen stellen wird. Die Stadt suchte ich mir aus - ihr dürft ruhig
meiner Phantasterei spotten, sie liegt mir nun einmal im Blut! -, weil vor mehr
als einem halben Jahrtausend ein Hochsess gen Preußen zog, um, angetan mit dem
weißen Mantel des Kreuzritters, wider Polen, Russen und Tartaren die ferne
Ostmark zu verteidigen. Er wurde Komtur der Feste Graudenz und verschwand
spurlos, als er an Witort, dem verräterischen Grossfürsten, die Schandtaten
seiner räuberischen Horden rächen wollte. Die Sage erzählt, er sei gefangen
worden und habe sich, als man ihn just im Triumph der schönen Polenkönigin
zuführte, die Pulsadern aufgebissen. Ihr seht also -« und Konrad lächelte ein
wenig -, »es blieb mir mit den östlichen Nachbarn noch eine alte Rechnung zu
begleichen übrig! Und Kriegsfreiwilliger wurde ich -« seine Augen sahen
versonnen in die Ferne, und was er sprach, schien nicht mehr an die gerichtet,
die neben ihm gingen -, »weil ich untertauchen will, restlos untertauchen in
dieser Zeit und in diesem Geschehen. Es gibt Menschen, die wollten Quellen
werden, Quellen für dürstende Höhenwanderer, Quellen, die Felsen durchbohren,
und sind doch nur Wellen im Meer. Ich will sein, was ich bin.«
    Die Geschwister schwiegen zunächst. Dann schob Alex vertraulich seinen Arm
in den Konrads und meinte mit einem unsicheren Lächeln:
    »Weißt du, im Grunde ist mir das alles zu hoch. Aber - was für sich hat es
ja, stramm zum Kommis zu gehen. Eine neue respektable Sorte Verdrehteit. Und
einen Sparren haben die Hochsess ja alle. Wer weiß: vielleicht wirst du sogar
noch zu denen gehören, die den Marschallstab im Tornister tragen.«
    Ehe sie sich voneinander verabschiedeten, versuchte Alex vergebens, den
Vetter zu bewegen, mit ihnen und ihren Eltern den Abend zu verbringen. Konrad
schützte eine andere Verabredung vor, war aber ausserstande, zu sagen, welcher
Art sie war. Hilde schien indessen den Faden ihrer Gedanken leise
weitergesponnen zu haben, denn zum Schluße sagte sie, über den neuen Mut eigene
Gedanken zu äußern, dunkel errötend: »Ich verstand Sie vorhin so gut, Vetter.
Und mir fiel dabei ein, wie oft man doch solch Wasserwellchen, das nur mit den
vielen Gefährten zusammen schäumen und sprudeln kann, in eine Schüssel schöpft,
wo es trüb und still wird.«
