 -
der große Augenblick, an dem die internationale Sozialdemokratie sich bewähren,
ihre Macht in die Wagschale ungeheuren Weltgeschehens zu werfen hat. Mit dem
Dampfhammer, den Marx einmal beschreibt, hat man unsere Bewegung verglichen. Er
vermag mit leichten Schlägen kleine Nägel in weiches Holz zu treiben. Stürzt er
aber, seine ganze Schwere ausnutzend, wuchtig ab, so splittert Granit zu Staub
unter ihm. Behalten wir Besinnung, Bewussteit, Einigkeit! Der internationale
Sozialismus ist der Friede.«
    Erschöpft fiel der Redner in den Stuhl zurück. Man applaudierte lebhaft.
»Hoch die internationale Sozialdemokratie!« rief einer mitten im Saal. Aber
alles geschah wie nach einem Schema, ohne innere Anteilnahme. Der Weltkrieg! Wie
oft wurde davon geredet! Von nüchternen Politikern und spiritistischen
Schwärmern; von Imperialisten, die Deutschlands überragende Weltmachtstellung,
von Sozialisten, die die Weltrevolution von ihm erwarteten. Dass er kommen werde,
kommen musste, war zur Formel geworden, wie das Warten auf den Messias bei den
Juden zur Formel geworden war. Nichts Lebendiges, nichts, das Kräfte zeugt oder
steigert, lag mehr darin.
    Konrad aber fühlte sich seltsam aufgewühlt: Krieg - konnte das mehr sein als
die Rauferei von ein paar wilden Tieren um die Beute, als das Niederknütteln von
Schwächeren durch der Stärkeren Habgier, als ein Spektakelstück auf einer der
tausend Weltbühnen, bei dem der Gebildete halb gelangweilt, halb mitleidig
zusieht? Krieg - verbarg sich unter diesem Namen noch eine Macht, die den
einzelnen sich selbst entreißen, in die Sintflut eines einzigen Geschehens
hineinzuschleudern vermöchte, so dass er wieder ein Teil würde, sich als Teil
empfände, erlöst von der Grausamkeit eigenen Lebens? Das wäre - Leben!
    Die Flamme, die flüchtig in ihm aufgeschlagen war, sank rasch in sich
zusammen. »Tor, der ich bin,« dachte er, »mit der drastischen Darstellung ewiger
Höllenstrafen suchten noch immer kluge Pfaffen die ihnen entweichenden Seelen
wieder zu ködern. Die Schrecken des Kapitalismus verfangen nicht mehr, seitdem
man anfing, sich mit Hilfe von Genossenschaften und Gewerkschaften und sozialer
Gesetzgebung halbwegs bequem in ihm einzurichten, jetzt versucht man's mit dem
neuen Gespenst.«
    Sehr müde, wie immer, wenn er geschlafen hatte, - denn das Erwachen zur
Wirklichkeit erschöpft den Unglücklichen mehr als das stete wache Bewusstsein
ihres Schreckens - entschloss sich Konrad am nächsten Morgen endlich, die
Menschen aufzusuchen, die er sehen wollte. Den kleinen Bildhauer zuerst. Er war
inzwischen eine Berühmteit geworden, und von ihm erhoffte Konrad jenes Denkmal,
das Norinas würdig wäre: einen schlichten antiken Grabstein träumte er sich mit
der Gestalt einer Frau, die ruhevoll in tiefem Sessel lehnt, die Augen auf einen
zu ihren Füßen spielenden Knaben gerichtet und in Ausdruck und
