
    »Sie hat recht, ganz recht,« meinte Sabine, ihr zunickend, »und ich würde es
lieber hören, Sie, Herr von Hochsess, kämen aus ganz brutaler Vergnügungssucht
hierher, die jedenfalls eine Lebensbejahung ist, als aus dieser
lebenverneinenden Fluchtempfindung heraus. Die Welt ist doch so überreich an
Schönheit, und - was weit herrlicher ist! - so überreich an unbeackertem,
fruchtbarem Boden!«
    »Zeigen Sie ihn mir!« rief er in jugendlich ungestümer Aufwallung, »und
diese beiden Hände, die noch von keiner Arbeit zeugen, stell' ich in seinen
Dienst.«
    »Sind Sie denn blinden Auges durchs Leben gegangen?!« sagte sie erregt, »ist
Ihnen seelisches und geistiges Leid, Sorge, Furcht und Verlassenheit nie
begegnet?! Das der einzelnen, das der Lebensalter, der Geschlechter, der
Klassen, der Rassen, der Völker, der Welt?!«
    Er errötete dunkel. »Ich habe darüber nachgedacht,« entgegnete er zögernd,
»mir schienen aber alle Theorien, auch die des Sozialismus, mit denen die große
Not der Menschheit bekämpft werden soll, so unzulänglich, so zweifelhaft.« Seine
Stirn färbte sich noch tiefer. Er fühlte, wie jämmerlich es klingen musste, was
er sagte. Es war eine Art Selbstverteidigung, wenn er noch fortfuhr: »Auch
schien mir, dass man erst selber etwas sein, selbst eine geschlossene Einheit
darstellen muss, ehe man sich erlauben darf, in das Leben und Leiden anderer
einzugreifen.«
    »Und weil Sie den Bettler nicht zum sorgenlosen Bankier machen können,
versagten Sie ihm das Brot für - morgen!« meinte sie bitter, um dann rasch, mit
einem fast abbittenden Lächeln hinzuzufügen: »Freilich haben Sie recht, dass man
erst selbst etwas sein muss, denn nirgends ist sentimentaler Dilettantismus
schädlicher als in der Lebens- und Weltreform -«
    Es klingelte stürmisch. Sabine öffnete. »Kati, du?« hörte man sie rufen.
»Um Gottes willen, was ist? - komm, setz' dich!« Und sie führte eine totenblasse
Frau hinein, der die Knie schwankten. »Rasch, ein Glas Tee!« Leonie sprang
hilfreich herzu. Konrad wollte stillschweigend gehen. »Bleiben Sie nur!« Damit
drückte ihn Sabinens kleine feste Hand auf den Stuhl zurück.
    Die Eingetretene kümmerte sich um niemanden. »Ich habe Nachricht von
Johannes - endlich! Endlich! Aus dem Spital ist er entlassen. Er möchte heim!«
stieß sie mit der ersten Möglichkeit freien Atemholens heraus, während ihr die
Tränen in Strömen über die eingefallenen Wangen liefen. Sabine streichelte und
küsste die wild Erregte.
    »Nun gilt es, ihn so rasch als möglich hier zu
