 das höchste Bild von Frauenschönheit; seine Natur wollte sie -
sie! Ganz und gar sie - wie sie da saß, in beherrschter Haltung, mit vollen
Schultern, schlanken Armen und diesem fein geformten Kopf, den köstliche, blonde
Haare locker umgaben. - Diesem ernsten Gesicht mit den klugen, großen Augen und
den tiefen Mundwinkeln. -
    »Es kommt mir ganz phantastisch vor, wenn ich Sie so sehe - in diesem Rahmen
- in diesem Kleid - wenn ich auch nichts davon verstehe - es scheint mir
köstlich und das Geschmackvollste von der Welt - ich möchte mich an den Kopf
fassen: Sind Sie es wirklich, die ich im klebrig-schwarzgelben Nebel von einem
grölenden Trunkenbold bedrängt sah?«
    »Ja - bei der Arbeit gibt's eben mal andere Situationen.«
    »Es ist keine Arbeit für Sie!« sagte er mit Entschiedenheit.
    »Barmherzigkeit? Keine Frauenarbeit? Welche ist es mehr?« sprach sie und sah
ihn mit großen Augen an.
    »Es gibt Dinge,« begann er erregt, »über die man sich kaum mit Worten
verstehen kann. So wie die Empfindungen sich zu Gedanken bilden - nicht wahr:
Denken und Worte - das ist dasselbe - alles Denken ist stummes Sprechen - ja,
gleich sind schon die Schwierigkeiten da. Wie sollte Barmherzigkeit nicht
Frauenarbeit sein?! Sie ist die allererste! Keine Legende ist rührender als die
vom Rosenwunder, das der heiligen Elisabet geschah.«
    »Nun also ...«
    »Und doch ... Sehen Sie, früher waren die Frauen auch barmherzig - jede,
sofern sie ein echtes Weib war - wirkte in ihrem Kreis, mit offenen Händen und
offenem Herzen - nur mit dem Herzen. - Und solche Frauen gibt es gewiss auch
überall heute - die nichts anderes wollen als wohltun. Aber da sind die vielen,
die arbeiten - ja, sie nennen es Arbeit - was liegt oft in dem Wort, in diesem
Zusammenhang! - Und ich sehe im Geist in ihren Händen vor allem die Tabellen und
Statistiken. Und wo früher die Träne des Mitleids rann, hört man jetzt das Wort
soziale Pflicht.«
    »Ist es nicht ein Fortschritt, dass Pflicht wurde, was früher Gnade war?«
fragte sie.
    »Ja. Mein Gott - ich fürchte, Sie werden mir nichts, gar nichts entgegnen,
wozu mein Verstand nicht ja sagen müsste,« fuhr er immer eindringlicher fort;
»aber das Holde, das Ergreifende, das die Mildtätigkeit hatte - dem Ausübenden
eine Gloriole verleihend - dem Empfangenden das Herz erweichend und den Gram
lösend - hat sich dies Ergreifende nicht da und dort verflüchtigt? Hat die
Barmherzigkeit nicht einen doktrinären, sozialpolitischen Zug bekommen? Wenn sie
