 am Abend des Festes gab sie ihnen Ausdruck. Nach einem wundervollen
Spaziergang am blaugrau verdämmernden und von Millionen Lichtern besternten
Hafen kamen sie heim. Auf dem Tisch stand das Teegeschirr neben einem köstlichen
Korb voll Orchideen, den Tulla Rositz geschickt hatte, und in der Ecke brannte
der Tannenbaum. Es war das Zimmer einer Pension. Zwar besaß Sophie die Kunst,
die Gemütlichkeit überall mit hinzunehmen. Aber man spürte ja doch: dies war
kein Heim. Gerade auch der Charakter des Provisorischen in der Umwelt steigerte
noch die Kraft ihrer Betrachtungen.
    »Wie ein Blatt vor dem Winde bin ich,« sagte sie zu den Söhnen; »spurlos
verweht der einzelne Mensch aus der Menge. Sie weiß nicht, dass er da ist, sie
vermisst ihn nicht und wird nicht geringer, wenn er stirbt. Man müsste verzweifeln
über die Tragödie des Sandkornschicksals in der Menschenwüste, dieser
Getrennteit von allem Zukünftigen, wenn es nicht Fäden gäbe, die auch ein
bescheidenes Dasein hinüberleiten können in das Kommende und ihm eine Art
Unsterblichkeit sichern. Wer ein Stück Erdboden hat - ein eigenes Dach - einen
Besitz, den er Söhnen und Enkeln weitergeben kann - die ihn erhalten und pflegen
- ja, der lebt weiter. Denkt doch: wie viel Generationen war unser Gut, die
eigene Scholle, zugleich die Unsterblichkeit der Vorfahren. - Was sie gebaut,
gepflanzt hatten, ließ sie fortleben, und die Steine der Mauern sprachen von
ihnen, und die Bäume rauschten ihre Namen.«
    »Ja, Mutter - Du leidest - das wissen wir wohl - nicht Dein Kampf ums Brot
war Dir hart - nur der Verlust des eigenen Daches - Gott - ja, vielleicht kommt
es wieder,« sprach Allert.
    Sie neigte sich über den runden Tisch noch näher zu den Söhnen und sprach
halblaut, voll Leidenschaft: »Und das andere Band, das ist die Nachkommenschaft
- Töchter, Söhne, Enkel - oh, welch ein wunderliches Gefühl, feierlich,
verantwortlich, schaurig - erhebend. - Ja, es ist Unsterblichkeit - wenn ich mir
vorstelle: mein Talent, vielleicht auch meine Fehler - diese Linie meiner Braue
- diese Form meiner Wange - eines Tages, nach Generationen, besitzt das ebenso
ein Urenkelkind. Und es heißt: Das hast Du von Deiner Ahne, so ist sie gewesen.
- Welch ein seltsames Wunder - mein Blut rinnt fort in späten Geschlechtern -
ich lebe in ihnen - mein Herz schlägt darin - es ist ein ewiges
Wiedergeborenwerden - meine Wesenheit wirkt weiter. - Seht, wenn Mütter oft so
eine beharrliche Art haben, den Söhnen zu predigen: Heiratet! - das sieht
manchmal geschmacklos aus, plump vielleicht sogar. Begreift: das ist der
geheimnisvolle Instinkt des Menschen, der sich gegen
