 seiner Mutter war zumut wie jemand, der sich an einer Daseinswende fühlt.
Mit einer unendlichen Melancholie gedachte sie des Verlorenen, aber der neue
Abschnitt, karger an Reizen, wie er sein würde und immer bleiben musste, forderte
volle Sammlung von ihr, und sie war entschlossen, sich dazu emporzuringen.
    Ja, das ist eine merkwürdige und eigentlich eine furchtbare Stimmung: man
steht mit leeren Händen und weiß nicht, ob das Schicksal jemals wieder etwas
hineinlegen will, das wert ist, festgehalten zu werden. Man steht ganz einsam,
die Welt empfindet man als eine undeutliche Öde um sich herum. Man hat das
Gefühl: hoch oben irgendwo ist doch noch Licht und Freude - aber wie soll man da
je hinauf gelangen, ohne Hilfsmittel als die eigene Kraft, die ermüdet ist? ...
    Dergleichen empfand Sophie.
    »Die einzige Freude,« sagte sie, »die mir noch werden kann, wäre, wenn Ihr
mir liebe Schwiegertöchter brächtet - Allert und Du. Schwiegertöchter, die Glück
und Wohlstand ins Haus tragen, ihm neue Blüte und Bestand geben.«
    »Wie gern, Mutter,« sprach Raspe lächelnd, »wie gern! Wenn Du mir das
Mädchen bringen kannst, das mir Glück garantiert.«
    »Garantiert?« rief sie. »Oh - ein Mann wagt. Und erzwingt sich's.«
    »Lässt sich Glück erzwingen, Mutter? - Du - Du hattest doch den Willen zum
Glück in Deiner Ehe und die tägliche Selbstaufopferung, zu versuchen, ob es sich
denn nicht erzwingen lasse ...«
    »Still! - Das soll Euch kein Beispiel sein - es gibt doch auch, gottlob,
noch schöne, innige Ehen - eine solche ist doch wie vollendetes Menschentum. -
Wie sollte es mich beseligen, Euch darin zu sehen! Und über den Wunsch hinaus,
über das Verlangen, das Recht, das Eigenleben so voll ausgestalten zu können,
gibt's noch viel andere Gründe zum Heiraten. Gibt's die nicht? Denke doch! Der
Staat! Jawohl, Dir, mir und dem Volk bist Du's schuldig, zu heiraten.«
    Nun musste Raspe lachen.
    »Mutter, geh nicht ins Volkswirtschaftliche! Der Staat - Du kommst mir
sozusagen mit Tabellen - schielst nach Frankreich.« -
    Wie ihn das amüsierte.
    »Hast Du schon mal einen Menschen gesehen, der aus Pflichtgefühl gegen den
Staat geheiratet hätte?«
    Sie musste auch lächeln. Aber weil sie doch auch gern das letzte Wort haben
mochte, sagte sie:
    »Das gesteht sich natürlich selten ein Mensch ein und andern wohl nie. Aber
als halbbewusste Unterströmung -«
    Sie unterbrach sich. Terese kam herein. Und sie hatte schon
