! Sie werden es nicht
glauben, die andern Mütter, dass solche erworbenen Rechte leidenschaftlicher
empfunden werden und noch tiefer wurzeln. Wissen Sie, die ersten zwölf Jahre
hatte ich sehr gelitten. Mein Mann nicht so sehr. Es gibt ja Söhne bei seinem
Bruder, das Haus blüht weiter. Aber ich - ich fühlte durchaus: Ich kann
erziehen, bilden, ein junges Wesen ganz und gar mit dem meinen durchwirken, mich
hinopfern. Und dann bekam ich Marieluis. Sie war zwei Jahre alt - also ich habe
ihre ganze Jugend in der Hand gehabt! Wollen Sie es wohl glauben: Mit jeder
Erziehungsmühe erkaufte ich mir, was andern Müttern von Natur zusteht! Ich habe
alles darangesetzt, aus Marieluis ein kluges, klardenkendes, gerechtfühlendes,
hochgebildetes Wesen zu machen. Das kostete Hingabe. Und ich verwuchs ganz mit
ihr, ganz! Ich darf sagen: Mein Ziel ist erreicht. Wenn ich mir so all die
andern Mädchen ansehe - keine reicht an meine Tochter. Sie ist ganz mein. Und
doch - sehen Sie - da ist dennoch ein Stachel! Vielleicht scheint sie nur ganz
mein. Eines Tages vielleicht wird sie, wenn sie liebt und heiratet, sich daran
erinnern, dass in ihren Adern ja nicht mein Blut fließt. Das träfe mich wie ein
Schlag. Wenn eigene Kinder sich gegen die Mutter wenden, ist es entsetzlich.
Wenn ein so zu eigen gewordenes Kind die Mutter verliesse, wäre es furchtbar.«
    »Das wird Marieluis niemals tun,« sagte Sophie fest. Und fügte nach einer
ganz kurzen Pause tastend hinzu:
    »Auch deshalb wünschen Sie nicht, dass Marieluis heiratet?«
    Die Senatorin fuhr auf:
    »Nehmen Sie es nicht übel, liebe Verehrte, aber Ihr andern Frauen versteht
Euch allesamt nicht aufs Zuhören und auf logische Gedankengänge. Wann hätte ich
je gesagt, dass Marieluis nicht heiraten soll? Ich sagte nur, sie ist so erzogen,
dass sie es nicht braucht! Aber natürlich wünsch' ich es ihr. Gott, Liebste, wenn
ich denke, ich bekäme Enkelkinder - erlebte da das Wunder, das mir selbst nicht
beschieden ward« - - -
    Sie stockte. Und wahrhaftig: die scharfen Züge bekamen den Glanz einer
wunderbaren Weichheit. Aber das durfte nicht sein: Fassung, Selbstbeherrschung,
Haltung - und wieder ganz überlegene, sichere Dame.
    »Ja - aber die Wahl des Mannes! Natürlich - sie soll frei wählen! Das
versteht sich. Ihr Herz und ihr Verstand sollen wählen. Und können es, mit
Bewusstsein - können prüfen - sich bedenken. Denn Marieluis ist ja sexuell
aufgeklärt - weiß in jeder Richtung, was sie tut. Ich weiß auch, hoffe
wenigstens, ihr wird nie eine Leidenschaft über dem
