
um dem sonderbaren Alten zu erläutern, welche Macht sich da in Gestalt der
Taitai vor ihm offenbare, und er sagte: »Ihr müsst nämlich wissen, dass meine
Herrschaften Christen sind, und darum wollen sie China viel Gutes tun.«
    »Das Christentum ist in der Tat nicht schlecht,« antwortete der Einsiedler
sinnend, »auch was Konfuzius, Mencius und Lao tse hier einst lehrten, enthält
manch Beherzigenswertes. Die meisten Religionen wollen ja Gutes, es sind die
wohlgemeinten, wenngleich unbeholfenen Versuche frommer Männer, den wahren Pfad
zu finden. Aber ihre Nachfolger und Gemeinden sind dann von den ursprünglichen
Lehren weit abgeschweift, so dass Christus und Lao tse sich sicher wundern
würden, wer sich heute alles als ihre Jünger ausgibt. Und bestenfalls sind doch
auch ihre Lehren nur Umwege. Krischna und Buddha wiesen ja längst schon den
wahren Pfad.«
    Mahan, der mittlerweile mit seinem Bündel in der baufälligen Behausung des
Alten verschwunden war, trat nun wieder zu ihnen und sagte: »Heiliger Mann, ich
habe Euch diesmal reichlichen Vorrat mitgebracht, denn in den nächsten Tagen
werde ich wohl nicht kommen können, ich soll wieder in den Sommerpalast zu den
Teaterfesten.«
    »Theater!« sagte der Einsiedler mit seinem seltsam mitleidigen Lächeln, als
spräche er nur für sich, »ja, das ist auch so ein Ausdruck der Gier. Mit dem
einen Leben begnügen sich die Menschen so wenig, dass sie sich noch ein zweites
vorspielen lassen. Schein im Schein wollen sie haben.« Und dann wandte er sich
mit einem ganz neuen Ton freundlicher Besorgnis an den Knaben: »Nun, mein
kleiner Ernährer, so geh' denn den Weg, den Du noch gehen musst, und vor allem
kehr' mir wohlbehalten von dort zurück, wo Gier um Macht streitet. Mir ist etwas
bang um Dich, denn wenn ich auch hier hause wie ein einsamer Adler, so dringen
doch manche Laute zu mir, und neulich kamen Leute, die erzählten, es würde dort,
wo Du hingehst, ein gar schlimmes Stück vorbereitet.«
    Zugleich mit dem Knaben trat nun auch die Taitai den Rückweg an. Und während
der heilige Mann dort oben in tiefes Träumen über das Auslöschen des Ichs und
damit auch seiner Weltvorstellung zurücksank, war all ihr Denken im Gegenteil
nur darauf gerichtet, wie ihrem Ich das Dasein voll spannender Abwechslung zu
gestalten sei. Denn sie, die sich so gar nicht an der tiefen Beschaulichkeit
genügen ließ, sondern am liebsten zehn Leben zugleich gelebt hätte, hatte soeben
mit geschäftigem Hirn einen ganzen Plan ersonnen, und dessen Ausführung wollte
sie sofort einleiten: Tschun müsse in den Sommerpalast zur Aufführung, sie wolle
von ihm darüber hören! - Und Tschun, dessen geheimste Wünsche
