 Nur ein
breiter, unförmlicher Rumpf stand noch. Und das Tor unten gähnte schwarz und
verrusst. Dahinter lagen, soweit man blickte, nur rauchende Trümmerfelder. Ja, da
konnte man freilich nicht nach einem einzelnen Menschen suchen, der hier
gewohnt, waren doch kaum die Stellen zu bezeichnen, wo die einzelnen Häuser
einst gestanden! Es war, als habe Erdbeben dem Feuer geholfen, alle Spuren zu
verwischen. - Und Tschun musste an den gelassenen Ausspruch des Grossonkels Lin the
i am Neujahrstag denken: »Wenn aus dem Kun-Lun-Berge Feuer sprüht, wird
kostbarer Nephrit zugleich mit wertlosem Gestein zugrunde gehen.« Er hatte wohl
schwerlich gedacht, wie wahr er prophezeite, noch dass seine Worte sich an ihm
selbst erfüllen sollten! Und auch der auf gelbes Papier gemalten Beschwörungen
an Yen ti, den Feuergott, gedachte Tschun, die so manche der hier einst
Wohnenden an ihre Häuser zu kleben pflegten, weil sie so ganz bestimmt vor
Bränden sichern sollten. Wo war ihre Wirkung geblieben, wo die Menschen, die an
sie geglaubt? - Allerhand Gestalten sah Tschun zwischen den Bergen von Schutt
und verkohlten Ruinen auftauchen. Mit langen Haken stocherten sie in den
Aschehaufen, gruben und scharrten eilig darin herum, verängstete oder auch
tückische Blicke bei jedem Geräusch um sich werfend - einstmalige Besitzer
vielleicht, die retten wollten, wo doch alles verloren, dunkle Existenzen noch
mehr, die irgendeinen glücklichen Fund inmitten des Zusammenbruchs Begüterter
erhofften. -
    Tschun hätte nun gern nach den beiden alten Verwandten geforscht, doch wo er
fragte, erhielt er nur unwirsche Antworten. Denn es waren dies Zeiten, wo, in
dem allgemeinen Argwohn, keiner zugeben wollte, von dem anderen etwas zu wissen.
Wer vermochte denn auch vorauszusagen, was etwa aus einem unvorsichtigen Worte
entstehen konnte!
    Am Eingang der Gesandtschaftsstrasse fand Tschun eine von Soldaten der
fremden Schutztruppen besetzte Barrikade, denn auch hier war ja die Welt zur
Festung geworden. Er wurde von dieser ihm neuen Art Ausländer rau angeschrien
und musste die Legitimationskarte vorzeigen, die ihm der Bischof mitgegeben
hatte. Erst dann wurde er durchgelassen. So sehr er aber auch die
Zweckmässigkeit, ja Notwendigkeit solchen Verfahrens einsah, empfand er doch
zugleich in den geheimsten Tiefen seines Wesens eine Erbitterung darüber. Ein
Grollen ob des herrischen Auftretens der Fremden, vor allem aber eine Entrüstung
gegen die eigenen Machtaber. Was für Zustände hatten sie doch geduldet und
gefördert, dass diese Ausländer sich solche Rechte in der Hauptstadt des Landes
nicht nur anmassen durften, nein, dass sie gezwungen waren, sie zu ergreifen, weil
jegliche Ordnung und Sicherheit nur noch von ihnen abhing! Und in der
Erleuchtung einer Sekunde empfand Tschun die ganze ungeheure Erniedrigung seines
Landes.
    Doch nun schritt er weiter in der
