. Ich will in diesen Blättern nur Chronist sein, und dem
Chronisten ziemt es nicht, mit seinen eigenen Empfindungen zu stark in den
Vordergrund zu treten. Sollten sie etwa in späteren Tagen oder Jahren in
jemandes Hände geraten, der mit Staunen Kenntnis davon nimmt, was Wahnmoching
war und bedeutete, was hier lebte, gelebt wurde und gelebt werden sollte, so
wird dieser jemand - ich stelle ihn mir etwa als versonnenen Gelehrten oder
ernsten Forscher vor - vielleicht mässiges Interesse an meiner Person nehmen und
nur so nebenbei in stiller Anerkennung den Hut ziehen, wenn er erfährt, dass es
bloß ein junger Mann aus Berlin war, welcher Dame hieß und sich verurteilt
fühlte, das Wichtigste über diesen bemerkenswerten Stadtteil aufzuzeichnen.
    Und doch kann der Chronist wiederum nicht ganz sein Ich eliminieren, in dem
die Umwelt sich widerspiegelt. Mag der Spiegel noch so anspruchslos und schlicht
gerahmt sein - wenn man ihn verhängt oder aus dem Zimmer trägt, wirft er kein
Bild mehr zurück.)
                                   Anmerkung
Sie finden hier, verehrter Gönner und Freund, aus Herrn Dames eigenem Munde die
Bestätigung unserer Wir-Theorie, auf die wir auch in unserem Begleitschreiben
Bezug nahmen. Wäre dieser liebenswerte junge Mann in der Lage gewesen, im Plural
zu denken und zu erleben, so möchte vielleicht seine Biographie sich leichter
und freundlicher gestaltet und weniger auf ihm gelastet haben. Im
Unterbewusstsein hat er das wohl auch dunkel gefühlt; das scheint uns wenigstens
aus seiner Beziehung zu dem Diener Chamotte hervorzugehen.
 
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Ein Morgenbesuch bei Adrian. Er wohnt in einem großen Atelier und ist sehr
hübsch eingerichtet. Als ich kam, saß er in einem persischen Kaftan an einem
zierlich gedeckten Tischchen und nahm ein hygienisches Frühstück ein. Er sagte,
dass er nachher zwei bis drei Stunden zu arbeiten pflege, nur jetzt im Karneval
sei das natürlich nicht ganz durchzuführen. Wir rauchten Haschischzigaretten und
unterhielten uns über Wahnmoching. Ich glaube, Adrian ist, was man einen Kauseur
nennt, man kann sonst eigentlich nicht über Wahnmoching plaudern und tut es auch
nicht, aber Adrian kann es. Trotzdem ist er auch der Ansicht, dass hier große
Dinge in der Luft liegen, und jeder, der irgendwelches Streben in sich fühle,
müsse sich solchen Bewegungen unbedingt anschließen.
    »Ich bitte Sie, Monsieur Dame, wir haben wieder gelernt, dionysisch zu
empfinden - wer hätte das vor zehn oder zwanzig Jahren für möglich gehalten? Bei
dem Fest neulich - haben Sie gesehen, wie der Professor raste, wie der Taumel
ihn blendete, so dass er in den scheinbar hässlichsten Frauen wunderbare Schönheit
erblickte? Er hat so viel Eros, dass ihm jede Lebensäusserung, jede Form, in der
das Leben sich darstellt, etwas Vollendetes bedeutet. So wurde zum Beispiel
einmal von
