
auch wirklich zu schreiben. Wo sich hier von allen Seiten so viel Anregung
biete, müsse es doch ein leichtes sein.
    Ich aber fürchte wieder, es wird damit nicht so schnell gehen. Es gilt, vor
allem erst das Material zu sammeln und sich einen Stil zu bilden.
    Ich denke, darin wird mein Tagebuch, wie Susanna es etwas ironisch nennt,
mir gute Dienste leisten. Man gewöhnt sich daran, alles Erlebte doppelt in sich
aufzunehmen und bei allem, was man schreibt, auf den Stil zu achten. Auch dazu
hat ja mein Stiefvater mich von jeher ermuntert - er wies bei solchen
Gelegenheiten gerne darauf hin, dass Goethe stets Tagebücher geführt habe, und
äußerte die Ansicht, Goethe sei und bleibe doch immer das beste Vorbild für
jeden jungen Deutschen.
    Ähnliches hört man wohl öfter sagen, und ich kann mir nicht helfen - ich
sehe darin eine gewisse Arroganz der älteren Generation. Man hilft uns nicht zu
leben, sondern begnügt sich damit, uns auf große Vorbilder hinzuweisen und dann
zu hoffen, dass etwas Außerordentliches aus uns wird. Was sollen mir derartige
Hinweise? Ich habe gar keine Anlage zum Größenwahn, ich bin nur ein
»belangloser« junger Mensch und heiße Dame und kann nicht aus meiner Biographie
heraus.
    Und das Material, das ich bisher zusammengetragen habe - es macht mir
eigentlich erst fühlbar, wie sehr mir noch die Zusammenhänge fehlen. Sie müssen
ja da sein, und ich muss sie noch finden - nicht um eines etwaigen Romans, aber
um meiner selbst willen. Die ganze fremdartige und intensiv bewegte Atmosphäre
dieses Stadtteils mit ihren Rätseln, Geheimnissen und, ich möchte wohl sagen,
auch Erleuchtungen umfängt mich immer noch - ja, eigentlich immer mehr - wie ein
Traum. Anfangs sehnte ich mich nur nach Klarheit, nach Verstehen und Begreifen -
jetzt weiß ich, dass es hier mit dem Begreifen allein nicht getan ist, sondern
dass sie - die Atmosphäre - innerlich erlebt werden muss. Oder geträumt - manchmal
tut es mir förmlich weh, wenn die wache Stimme des Philosophen an mein Ohr
klingt. Er weiß mir alles zu erklären - man könnte sagen: er beherrscht das
Material vollkommen, aber er findet es nicht gut und nicht tauglich, um etwas
Rechtes daraus zu bilden. Er nennt diese Menschen Romantiker, die allen
Erkenntnissen der klaren Vernunft die instinktive Weisheit früherer Völker
entgegenstellen und sich an dem Patos dieser Dinge und an ihrem eignen Patos
berauschen. Und logisch muss ich ihm oft recht geben, aber mein Empfinden und
meine Sehnsucht neigen sich doch immer wieder ihnen zu.
(Meine Selbstkritik macht bei nochmaligem Durchlesen die Wahrnehmung, dass ich
hier wohl nahe daran war, in einen romantisch patetischen Ton zu verfallen, und
sie warnt mich davor
